Was nur für dich ist

Es ist,

als würde hilflos ich im Nebel wandern,

mit immer nur,

dem einem Fuß vorm andern.

 

Dabei will ich doch immer entschlossen voranschreiten.

 

 

Es ist,

als könnte ich meinen Augen nicht trauen,

und niemals,

all zu weit nach vorne schauen.

 

Dabei will ich doch immer der mit dem Weitblick sein.

 

Es ist,

als könnte ich deine Wärme spüren,

und doch bloß wie,

dich immer wieder zu verlieren.

 

Dabei will ich dich doch für immer in den Armen halten.

 

Es ist,

als könnte deinen süßen Duft ich riechen,

und doch,

als würde bloß im Staub ich kriechen.

 

Dabei will ich doch aufrecht gehen.

 

Es ist,

als sähe ich die gegebenen Zeichen,

und doch,

als würde ich dich niemals erreichen.

 

War ich schon immer so blind?

16: Wer ist Charly?

2. Februar, 11:57h

„Guck mal, wie gefällt dir die hier?“, fragt Lukas, während er irgendetwas hochhält, was aussieht wie die 50er-Jahre-Steck-Frisur meiner Oma, die Sex mit einem Streifenhörnchen gehabt hat. Während ich mir das Lachen verkneife und Lukas leicht betreten dreinschaut, drehe ich mich wieder Richtung Regal, aus welchem mich ein etwas stumpf wirkender Kopf mit hell leuchtenden Augen und zu viel Acryl-Makeup angrinst.

Es ist Samstag und wir gehen shoppen. Es ist kein normales Shoppen (zumindest, wenn man weniger als 80 Jahre alt ist) weil wir heute eine Perücke für mich finden wollen. Die OP ist zwar schon länger her, aber weil ich mir der Sache zunächst nicht sicher war und die Krankenkasse über den Jahreswechsel ewig für den Papierkram für die Kostenübernahme gebraucht hat, sind wir erst jetzt hier. Und das ewige Hippie-Kopftuch-Tragen oder Gefragt-Werden-ob-man-denn-Pirat-sei geht mir mittlerweile tierisch auf die Nerven. Von aufgemalten Augenbrauen mal ganz zu Schweigen, die kenne ich sonst nur von RTL II.

Allein den Perückenladen (ja, es gibt echt Läden ausschließlich für Perücken) zu betreten, war unheimlich schwierig für mich, obwohl er wirklich günstig mitten in der Einkaufsstraße der Stadt liegt. Ich scheine auch nicht die erste junge Krebspatientin zu sein, die sich hier eine After-Chemo-Perücke kauft, denn als wir den Laden betreten haben, kam eine nette, alte Frau aus einem Hinterzimmer, die mir sofort ansehen konnte, was ich will, denn sie hat gleich auf das für mich richtige Regal verwiesen, während Lukas anscheinend eher daran interessiert war, mich auf einen Schlag zur hässlichsten Freundin aller Zeiten zu machen, wenn man sich ansieht, was er bisher ausgesucht hat. Ich hänge mit den Blicken immer noch an den Augen von „Charly“, denn so heißt der gruselig aufgemachte Kopf mit der Perücke, die mir bisher am ehesten gefällt. Die Perücke, die Charly trägt (oder heißt), ist schwarz und stellt so einen ziemlichen Kontrast zu meinen blonden Haaren dar, die ich sonst hatte. Auch Lukas scheint der Gedanke gerade gekommen zu sein, er fragt, ob ich mir da ganz sicher wäre und ob ich wirklich mit schwarzen Haaren herumrennen möchte.
Wieso nicht, frage ich, also zuckt er bloß mit den Schultern und murmelt irgendwas von erst-mal-dran-gewöhnen. Etwas zu trotzig drehe ich mich um und blicke ihm in die Augen, worauf er abwehrend die Hände hebt und mich anlächelt. Da ist der Trotz auch schon wieder verschwunden und dem Gefühl tiefer Zuneigung gewichen, immerhin begleitet mich Lukas ja auch heute, wie sonst auch, ohne dass ich ihn erst bitten musste. Während er sich immer noch lächelnd wegdreht, um sich weiter umzusehen, schaue ich in den Spiegel, der an der Wand hängt. Ein komisches Gefühl, irgendwie viel zu warm und leicht kratzig auf dem Kopf. Die schwarzen Haare wirken total ungewohnt, ich sehe etwas zu sehr nach Grufti aus, für meinen Geschmack. Oder wie eine Hexe. Ich trete ein Stück näher ran und trotz des schwachen Raumlichts kann ich die Ringe unter meinen Augen sehen, genauso wie die feinen Hautalterungen. Nachwirkungen von Chemo und Bestrahlung. Ich schaue mir selbst in die Augen, nicht sicher, ob nicht selbst diese ein Stück mehr Richtung Grau tendieren als früher. Eigentlich erkenne ich die Frau in dem Spiegel gar nicht. Sie sieht zehn, fünfzehn Jahre älter aus, als ich es bin. Und nicht nur, dass sie schwarze Haare hat, diese Charly scheint auch schon eine ganze Menge Scheiße durchgemacht zu haben. Sie sieht einfach irgendwie ungesund aus. Sie ist zu dünn, zu müde, zu fertig, zu gestresst, zu sehr mit sich beschäftigt. Sie sieht aus, als ob sie weder einen klaren Gedanken fassen noch den Moment genießen kann.

Lukas hat mittlerweile bemerkt, dass ich mich seit Minuten selbst anstarre und fragt, ob alles klar bei mir wäre und ob wir gehen könnten, weil er unbedingt noch Sportschuhe brauche. Klar, sage ich und drehe mich lächelnd zu ihm um, was er nur mit einem Hochziehen der linken Augenbraue quittiert. Ich nehme die schwarze Perücke. Für einen ziemlich stolzen Preis.
Als wir den Laden verlassen und ich mich noch einmal im Schaufenster betrachte starrt mich Charly wieder an. Ich hatte gehofft, sie wäre einfach im Spiegel im Laden geblieben, stattdessen trage ich sie jetzt irgendwie mit mir herum. Wie ein Schatten, den man nicht los wird.

Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.
Zehn Minuten später bin ich immer noch in Gedanken, während Lukas lautstark über die Vorteile von Kompressionsshirts monologiert, bis ich schließlich völlig unvermittelt ausbreche und ihm an den Kopf werfe, er solle das scheiß Teil jetzt doch bitte einfach kaufen. Lukas verschlägt es darauf erst mal die Sprache, ich laufe dunkelrot unter schwarzer Perücke an und stammel vorschnell irgendwas von bitte jetzt einfach nach Hause fahren. Lukas hat die Verblüffung überwunden, sagt aber nichts, sondern zieht nur abermals die linke Augenbraue hoch. Er schnappt sich das Shirt aus dem Regal, zahlt und wir gehen schweigend nebeneinander her.
Im Auto sage ich immer noch nichts, weil ich mich so schäme, Lukas so angeschnauzt zu haben und weil ich gar nicht mit Sicherheit sagen kann, wo in Gottes Namen das eigentlich herkam.
Ich schaue in den rechten Außenspiegel von Lukas Wagen und da ist sie wieder, Charly. Eine kurze Sekunde denke ich, das Spiegelbild lächelt mich tückisch an. Dann ist der Moment vorbei und da ist wieder nur das müde, abgeschlagene und viel zu dünne Ich mit den Augenringen und eingefallenen Wangen.

 

 

Back in the Game

Man. Es ist Dienstag, ich bin den zweiten Tag zurück in der Schule, nach einer gefühlt ewigen Abwesenheit aus bekannten Gründen und die Lehrer haben nix besseres zu tun, als mir direkt vier Nachholklausuren in die nächsten zwei Wochen einzuschieben. Hallo, ich wurde am KOPF operiert!?

Zu meiner allergrößten Freude beginnt der Reigen an Nervenreizung der schlimmsten Sorte denn auch mit Mathe. Es war so klar. Jetzt sitze ich also hier und arbeite an der nächsten „Mangelhaft“-Klausur, die mit Sicherheit genauso schlecht wird, wie prophezeit, obwohl ich die letzten Tage extra noch mit Lukas wiederholt und gelernt habe. Na ja, was soll´s, auch ohne Hirntumor wäre es wahrscheinlich auf das Gleiche hinausgelaufen. Da nervt mich die Deutschklausur nächste Woche noch wesentlich mehr, immerhin muss ich dafür ein stinklangweiliges Buch lesen, nebenbei noch für Pädagogik lernen und auch noch diverse Nachsorgeuntersuchungen über mich ergehen lassen.

Speziell auf den Besuch bei meiner Frauenärztin bin ich gespannt. Ich hoffe, die verdammte Chemo ist spurlos an meinem Körper vorübergegangen, immerhin soll in einem Monat die nächste anfangen, da möchte ich schon wissen, ob ich das alles ohne langfristige Schäden überstehen kann.

So sitze ich jetzt hier, schaue mal wieder aus dem Fenster in den Schnee hinaus, fahr mir mit der mal wieder schweißnassen Hand durch die immer noch ziemlich kurzen Haare und rätsle an diversen Buchstabengleichungen herum. Nein, Mathe und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr, selbst wenn ich das Glück haben sollte, dass es noch sehr lang werden sollte.

Dabei müsste ich jetzt wirklich mal einen Gang höher schalten, was die Schule angeht, gerade wegen der Chemo. Dann werde ich wieder wochenlang fehlen, obwohl ich jetzt schon ganz knapp vor Nicht-zum-Abi-zugelassen-werden bin. Da bringen mir auch ein paar Wiederholungsstunden mit Lukas und wenige nachgeschriebene Klausuren nicht viel.

Zur Not muss ich eben ein Jahr dranhängen. Wenn das der Preis für einen Tumor weniger im Kopf ist, was soll´s. Man soll ja immer die Gesundheit obenan stellen, da macht ein Jahr länger in der Schule nicht viel aus. Wobei, wenn ich so recht überlege, macht mir das eigentlich eine ganze Menge aus. Noch ein Jahr Mathe beim Fleischer?

Ich blicke auf die Uhr und stelle leicht resigniert fest, dass die Zeit mittlerweile nicht einmal mehr reicht, um auch nur die restlichen Aufgaben der Klausur zu lesen. Kurzerhand schmeiße ich also den Kuli in meine Tasche, stehe auf, greife nach meiner Jacke und Tasche und drücke im Rausgehen dem verschwitzt-verwirrt wirkenden Herr Fleischer die Klausur in die Hand.

Ohne ein weiteres Wort bin ich raus aus dem Klassenraum. Ich steuere zielsicher das Schulkiosk an, um mir einen Latte Macchiato zur Belohnung zu gönnen, dann suche ich nach Svenja, die jetzt eigentlich hier irgendwo in der Nähe stehen und sich über ihre Fingernägel oder das TV-Programm von gestern unterhalten sollte. Ich bin immer noch etwas sauer auf sie, wegen Silvester. Als meine Blicke sie dann finden, wie sie so mit ein paar anderen Mädels aus der Stufe zusammensteht, bin ich aber ganz froh, dass sie meine Freundin ist und bleibt.

Es ist nämlich nicht sonderlich schön, mit einem Latte in der Hand von allen anderen auf dem Schulhof angeglotzt zu werden wie ein Alien auf Mittelmeerkreuzfahrt.

Bevor ich also noch roter im Gesicht werde, gehe ich schnurstracks rüber zu Svenja und den Mädels, um mich in einer Gruppe Gleichaltriger verstecken zu können. Svenja blickt auf und fragt, wie die Klausur gelaufen sei, was ich mit einem Achselzucken und Zuprosten mit Latte Macchiato quittiere. Und weil damit alles gesagt ist, fängt sie leise an zu lachen, wahrscheinlich, weil sie selbst in der Klausur vorher genauso gut abgeschnitten hat. Wenn ich wirklich das Jahr wiederholen muss, wird Svenja mir sehr fehlen, wird mir plötzlich bewusst. Mit den anderen Leuten hier, vor allem mit denen in der Stufe unter uns, habe ich nämlich gar nicht so viel am Hut, wenn man von dem Gerede und dem Mit-dem-Finger-auf-mich-zeigen mal absieht.

Tolle Aussichten also. Egal, Hauptsache Abitur und weitermachen im Leben, der Rest ergibt sich schon. Ganz davon abgesehen, dass meine Erkrankung mir auch gezeigt hat, worauf es eher so im Leben ankommt. Ich glaube, ich bin ein wenig zielstrebiger geworden, mir selbst bewusster gegenüber. Da macht es wohl Sinn, die Fühler schon ein wenig Richtung Zukunft auszustrecken, auch wenn sich irgendwann ein Zeitpunkt ergeben sollte, der mir eine weitere Hiobsbotschaft schenkt.

Zynismus scheint eine Nebenwirkung der Chemo zu sein, etwas, was auch Lukas mit leicht kritischen Blicken schon mal bemerkt hat. Aber keiner kann wohl erwarten, dass ich das alles einfach so wegstecke, ein Jahr Schule wiederhole und mein restliches Leben durchziehe, ohne immer wieder an diesen Schlag denken zu müssen. Oder doch?

Ist mein Anrecht auf Meckern erloschen, nachdem ich eine tödliche Krankheit halbwegs überstanden habe? Immerhin, ich bin nicht auf dem OP-Tisch liegen geblieben und habe augenscheinlich keine bleibenden Schäden davongetragen. Darf ich mich dann nicht auskotzen über die Dinge, die mir jetzt gegen den Strich gehen, auch wenn sie vielleicht ganz anders gelagert sind, als meine Probleme früher? Ich denke, doch. Ist mir egal, ob man sich nicht so anstellen soll und sich des Lebens an sich erfreuen sollte. Ich sehe das Leben jetzt eben anders, mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Zynismus und schwarzem Humor. Niemandem muss das gefallen, weder meinen Eltern, noch Lukas, noch Svenja oder den Lehrern. Jeder verarbeitet solche Dinge eben anders.

Oder übertreibe ich es damit doch ein wenig?

In Gedanken bin ich schon wieder bei Mathe, keine Ahnung wieso. Immerhin habe ich nächstes Jahr Gelegenheit, etwas motivierter an den Start zu gehen. Und da das schon beinahe eine Tatsache ist, warum denke ich an diese Klausur zurück?
Vielleicht, weil sie symbolisch für eben genau dieses Konsortium an Gedanken steht, die mich gerade so ein bisschen in den Wahnsinn treiben. Gut, wenn Mathe schon mein Ventil werden soll, dann hau ich nächstes Jahr eben lauter Einsen raus.

Fragen über Fragen

Wie sinnig ist es, nach dem Sinn zu suchen?

Wie aufmerksam sucht man die Aufmerksamkeit?

Wie selten gibt es Seltenheit?

Wie wichtig ist es, von Wichtigkeit zu sein?

Wie gewünscht sind Wünsche?

Wie einzigartig ist die Einzigartigkeit?

Wie geliebt ist die Suche nach der Liebe?

Fragen über Fragen.

Ich stell sie mir, jeden Tag aufs Neue.

Doch die einzige Antwort dazu, die mir einfällt,

ist

ein Bild von dir.

Weil Du mein Sinn bist, meine Aufmerksamkeit,

mir selten und wichtig, mein einzigartigster Wunsch

und meine geliebte Liebe, am Ende der Suche.

Von Träumen und Liedern

Mit Wehmut hör ich dieses Lied,

fühl wie mein verkrustet Herz aufbricht,

erinner mich an letzte Nacht,

während die Welt plötzlich kopfüber steht.

Mir selbst hab ich alles genommen,

doch mit nichts war ich für dich da,

dafür hab ich Bruchstücke, verschwommen,

und keine Liebe, nimmerdar.

Verrückt, mein Herz, verrückt, der Traum,

kein Bruchstück mehr, sondern Geschichte,

lebendig gar, wie ein junger Baum,

und doch vergangen dann, im Morgenlichte.

Vergeben und Vergessen?

1. Januar, 10:27h

Was für ein scheiß Abend. Was für ein scheiß neues Jahr. Was für ein scheiß Leben! Es hätte so romantisch und geil werden können, aber nein, das Schicksal wartet mal wieder mit einem Schlag in die Fresse auf. Wie konnten die beiden mir das nach den ganzen Katastrophen der letzten Zeit nur antun? Jetzt sitz ich hier am Fenster in meinem kalten Zimmer mit einem kalt werdenden Tee in der Hand, starre in das Halbdunkel da draußen und beobachte, wie die Flocken lautlos zum Boden gleiten. Es schneit. So sehr, dass ich nicht mal den Baum im Vorgarten von den Meißners gegenüber erkennen kann. Hier sitze ich und heule mir die Augen aus, mal wieder. Das wird langsam zum Ritual hier. Warum muss auch immer so viel Scheiße passieren?

Um von vorne anzufangen: Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu Weihnachten hat Mama alles darangesetzt, mich wieder hochzupäppeln. Also habe ich seitdem jeden Tag gefühlt eine Million Kalorien in Form von Obst, Gemüse und meinen Lieblingsgerichten zu mir genommen, gepaart mit einem Burger dann und wann. Nicht die schlechteste Art, das Gesundwerden zu unterstützen. Gesetzt dem Fall, mir war zum gegebenen Zeitpunkt nicht kotzübel von den scheiß Medikamenten.

Mit viel Bitten und Betteln und tausend schmeichelnden Worten hat Mama dann auch zugelassen, dass ich zu Svenjas Sylvesterparty gehen durfte. Während Lukas also gelangweilt auf meinem Bett lag und in diversen Frauen- und Fitnessmagazinen geblättert hat, bin ich vor meinem Schrank auf und ab gehüpft, weil ich mal wieder ratlos bezüglich der Wahl meiner Klamotten war. Bis Lukas schließlich ein Machtwort gesprochen hat, damit wir Sylvester nicht vor meinem Kleiderschrank verpassen würden. So sind wir dann dick eingemummelt und mit Stiefeln versehen durch den postweihnachtlichen Schnee gestapft, Sylvesterknaller im Arm und Flaschen voll warmer Bowle im Gepäck. In Svenjas Partykeller angekommen musste ich erst einmal einen Willkommen-zurück-Sturm über mich ergehen lassen und bestimmt sieben Mal erzählen, was mir passiert ist, was mit mir gemacht wurde und wie es mir denn gehe. Svenjas Eltern hatten anscheinend die halbe Nachbarschaft, alle Bekannten und Freunde, sowie unsere halbe Klasse zu ihrer Kellerparty eingeladen. Nach dem ersten  Ansturm an Leuten wurde es dann aber ganz schnell auch wieder ruhiger. Ich konnte sogar ab und zu eine Tanzeinlage unterbringen, ohne gleich mit Herzrasen und Schwächeanfall in den Seilen zu hängen. Körperlich scheint es also langsam bergauf zu gehen.

Der Abend zog sich also hin, gefüllt mit Gesprächen, dem einen oder anderen Glas Billig-Sekt und tausend nervigen Fragen. Bis hin zum einen entscheidenden Moment, der mich mal wieder hier vors Fenster treibt und zum Heulen bringt, sobald ich nur dran denke.

Gemäß der Menge an Sekt und anderer Getränke, die ich intus hatte, musste ich zwischendurch mal auf Toilette. Währenddessen hatte Svenja sich Lukas zum Tanzen ausgeliehen, was solls, ist ja meine beste Freundin. So dachte ich. Bis zu jenem Moment, an dem ich in meinen Stiefeln die Kellertreppe runtergestolpert bin und Lukas und Svenja Arm in Arm gesehen habe. Mehr als Arm in Arm. Ganz-dicht-dran-Arm-in-Arm sozusagen. Um nicht zu sagen Ganz-dicht-dran-und-die-Lippen-aufeinander-Arm-in-Arm.

Ich kann nicht beschreiben, was dann passiert ist. Aber das erste Gefühl kam einer „Ice-Bucket-Challenge“ gleich, bloß dass jemand das Wasser gegen den miesen Billig-Sekt ausgetauscht hat. Das Gefühl der Kälte verzog sich aber blitzschnell, dann setzte mein Gehirn komplett aus und ich nahm das nächste erreichbare Sektglas und kippte es den beiden mit Eleganz in die erschrockenen Gesichter. Was danach kam, weiß ich jetzt aber wirklich nicht mehr genau, aber ich nehme an, ich bin mit heißen Tränen auf den Wangen die Treppe hochgestürmt (auf einmal ziemlich trittsicher), habe mir meine Jacke geschnappt und bin an den Fragezeichen-Gesichtern im Flur vorbei nach draußen in den Schnee gestürmt. Lukas ist mir sogar noch hinterhergerannt, aber ich habe ihn bloß angeschrien, er solle sich verpissen, bis er mit eingekniffenem Schwanz den geordneten Rückzug angetreten hat.

Den Rest der Nacht bin ich, so glaube ich, ziellos in der Siedlung umhergewandert, vorbei an glücklichen Leuten, die sich alle in den Armen gelegen und sich ein frohes neues Jahr gewünscht haben, während sie mit feuchten Augen in den von Raketen bunt erleuchteten Sylvesternachtshimmel starrten.

Jetzt also sitze ich mit roten Augen, schniefender Nase und einem mittlerweile kalten Tee in der Hand an meinem Fenster und schaue raus in den Schnee. Scheiß Schnee. Kalt, eintönig, grau und trostlos. Fast fühlt es sich an, als würde es in mir auch schneien. Aber Scherben, keine weißen Flöckchen. Das Beste an der ganzen Sache ist, dass ich mir auch noch die Schuld gebe. Ich bin hässlich und entstellt, so ohne Haare, aufgedunsen von den scheiß Medikamenten, hab mich wochenlang nicht bei Lukas gemeldet und überhaupt so gar nicht wertgeschätzt, was die beiden für mich getan haben in der ganzen Zeit. Und doch, ich bin verletzt, traurig und stinksauer über ihren miesen Verrat. Da kann das neue Jahr ja nur noch mieser werden.

Stunden später klingelt es unten an der Tür und mein Herz macht schon einen kleinen, ungewollten Hüpfer, in der Hoffnung, Lukas käme in Tränen angekrochen, um sich auf Knien bei mir zu entschuldigen. Doch zu meiner grenzenlosen Überraschung höre ich über das „Frohes Neues“-Gequatsche meiner Mutter hinweg Svenjas Stimme. Was will die denn hier? Mir sagen, dass die beiden seit gestern endgültig ein Paar sind und wir uns leider nicht mehr sehen werden, weil das so besser für alle Beteiligten sei? Das soll sie mal versuchen, dann kann sie mal erleben, wie besser eine Teetasse für Schneidezähne sein kann.

Im gleichen Moment erschrecke ich über meinen internen Gefühlsausbruch, immerhin ist das meine vermeintlich beste Freundin, von der ich hier rede. Was ist bloß los mit mir?

Ehe ich mir selbst eine Antwort zurechtlegen und über weitere, wüste Worte für Svenja nachdenken kann, steht sie auch schon in meiner Zimmertüre, mit einem Kuschelteddy in der Hand. Was soll der Scheiß denn jetzt? Machen wir jetzt einen Tausch? Teddy gegen ersten Freund?

Dann sehe ich die Tränen in ihren Augenwinkeln. Stumm schaue ich sie an, bis ich schließlich weggucken muss und aus dem Fenster starre, während es in mir wieder anfängt, zu brodeln.

Sie beginnt stammelnd zu reden. Erst höre ich gar nicht hin, einfach, weil ich es nicht hören will. Die ganzen Erklärungen. Doch dann winken die Erinnerungen an alles, was wir zusammen erlebt haben fröhlich in meinem Gehirn und ich wende mich ihr doch zu. Sie hat sich mittlerweile auf meinen Schreibtischstuhl gesetzt und der Teddy dient als improvisiertes Taschentuch für die zahlreichen Krokodilstränen, die ihre Wangen runterkullern. Fuck, jetzt muss ich zuhören.

Svenja redet davon, wie schwer die vergangenen Monate waren. Wie sehr ich ihr gefehlt habe und wie sehr ich vor allem Lukas gefehlt habe. Wie ungewiss die beiden nur mit der Situation umgehen konnten und wie viel Angst sie hatten, mich zu verlieren.

An dem Punkt schreit eine kleine, fiese Stimme mit Hörnern und Dreizack in mir, was sie denn glaubten, dann mit der gestrigen Aktion erreicht zu haben. Doch weiter.

Sie erklärt mir, dass die beiden sich oft ausgetauscht hätten, ihre Sorgen geteilt hätten, um den Menschen, der ihnen beiden am meisten bedeuten würde. Ich.

In mir rührt sich etwas, aber ich bin immer noch stinksauer.

Wie sie sich öfter mal getroffen hätten, um einen Tee zu trinken und über alles zu reden, oder aber auch, um Besuche bei mir zu planen oder meine Mutter zu überreden, mich zu dieser Party gehen zu lassen. Dabei hätte sie die ganze Situation irgendwie entscheidend zusammengeschweißt.

Der Kuss gestern, und sie versichert mir heulend, das sei alles gewesen, wäre bloß der Gipfel dieser entstandenen Vertrautheit gewesen und von beiden nicht gewollt. Svenja wolle ja mich als beste Freundin und Lukas mich nicht als Partnerin verlieren. Es täte beiden unendlich leid und würde nie mehr vorkommen, gerade auch, weil ich ja zum Glück auf dem Weg der Besserung sei.

Ich weiß nicht, was ich von alldem halten soll und breche erst einmal völlig unspontan in Tränen aus, weil der ganze Mist wieder hochkommt. Nicht nur der Kuss gestern, sondern auch mein Aussehen, meine fehlenden Haare, die Chemo, die Übelkeit und die OP-Schmerzen. Laut schluchzend heule ich vor mich hin, bis Svenja aufspringt und wir uns heulend in den Armen liegen.

Da merke ich, dass ich übertrieben habe mit meiner Reaktion. Und dass ich den beiden Unrecht getan habe, schließlich wissen sie genauso wenig, wie sie mit alledem umgehen sollen, wie ich. Die Wut ist verflogen, das Heulen bleibt noch eine Weile. Am Ende sprechen wir uns aber irgendwie aus. Ich sage Svenja, dass sie mir immer noch alles bedeutet, es aber im Moment schwierig ist. Dass ich wohl erstmal allein sein will. Sie versteht das, sagt aber auch, dass ich Lukas eine Chance geben solle, zumal der Kuss nicht einmal von ihm ausgegangen sei und er, nachdem ich weggerannt bin, drei Stunden mit Tränen im Gesicht und stockbesoffen im Schnee gehockt habe.

Na ja, eine Lungenentzündung scheint mir für den Moment aber irgendwie angemessen. Wenigstens heißt das auch, dass er jetzt mal derjenige ist, der eine Krankenschwester braucht. Und auf einmal geht es mir schon viel, viel besser und der Schnee vor meinem Fenster wirkt auch nicht mehr so grau.

Endlos

Ich würde gerne wissen, wie es dir geht, indem du dich vielleicht mal blicken lässt oder mir mal schreibst, vielleicht kann man ja mal essen gehen und bei einem Glas oder zweien alles besprechen, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren und bloß nicht das Gefühl aufkommt, der andere hätte das alles nur zum Spaß getan, oder, noch schlimmer, aus Boshaftigkeit, indem er sich doch nicht meldet und der wiederum andere damit dann verletzt ist, das wäre ein Unding, das niemand will, wie ich finde, aber vielleicht schaffst du es ja wirklich, dich mal zu melden, man kann ja auch spazieren gehen oder mal einen Kaffee trinken, oder zwei, aber wenn du Kaffee nicht magst, ist das nicht schlimm, du kannst dir auch einen Kakao bestellen, oder einen Tee, wenn du magst, ich mag nämlich alles, vor allem, wenn du dich mal meldest, aber bitte, nicht aus Boshaftigkeit und auch nicht aus Scham, du sollst das wirklich wollen, weil nichts wäre mir peinlicher, als wenn man sich dann aus Versehen mal begegnet und nichts zu sagen hat, weil dann da diese peinliche Stille herrscht und das wollen wir doch nicht, wir sind ja doch zivilisierte Leute, die ein ordentliches Gespräch miteinander führen können, wie ich finde, vielleicht bist du aber auch schüchtern, was aber gar nicht schlimm ist, ich kenn mich da aus, das kann man vielleicht gut überspielen, bei einem Cocktail oder zweien, ach, meld dich doch einfach mal, ich würd dich so gern sehen, vielleicht willst du ja wirklich auch,

auch wenn wir uns noch gar nicht kennen.

willenlos

ich weiß nicht
was ich will
sag mir
was du willst?

vielleicht
will ich das auch
wenn du willst
will ich das auch?

bestimmt
wollte ich
dass du auch willst
wollte ich, doch?

dieses wollen
was will ich
wirst du mir sagen
was will ich?

willst du auch
wenn ich will
oder willst du nur
wenn ich nicht will?

können wir nicht
beide wollen
wenn wir doch eigentlich
beide wollen?

willst du immer
oder lieber nicht
willst du manchmal
oder lieber nicht?

will ich für immer
ja das will ich
will ich mit dir
ja das will ich.

willst du
mit mir wollen
wirst du
mit mir wollen?

Liebe will ich
deine Liebe
wenn du willst
dass ich dich liebe.

Liebe willst du
meine Liebe
wenn ich will
dass du mich liebst.

Im Sonnenschein

Sie spürte die harte Rückwand aus Holz, die Andeutung von Sitzpolster unter sich und konnte einen muffigen Geruch vernehmen, der von altem Holz und vielen Gesprächen zeugte, während sie halbwegs im Gebet versunken Pater Josef durch das vergitterte Fenster beobachtete. Auch er betete. Betete, ganz als ob es ihm um ihr Leben ginge. „Ein „Vater Unser“, auf dass deine Sünden dir vergeben seien und du rechtschaffen auf Gottes Erden magst, auf dass du Seine frohe Botschaft hörst und annimmst. Amen, mein Kind.“, hatte er einige Augenblicke zuvor gestammelt, wie schon einige Dutzend Mal heute. Sie hatte seine Worte hingenommen und betete jetzt still das „Vater Unser“, auch wenn sie sich nach all den Jahren schon kaum mehr an den genauen Wortlaut erinnern konnte. Nun, Gott würde ihr das verzeihen, bestimmt.
Sie konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, was sie dazu bewogen hatte, nach so langer Zeit wieder eine Kirche zu betreten, vor den Altar zu treten und dann in einer der Bänke niederzuknien. Bis Pater Josef sie bemerkt hatte und gefragt hatte, ob auch sie Abbitte leisten wollen würde. Sie hatte kurzerhand „Ja, schon..“ geantwortet und dann hatten beide die nächste halbe Stunde im Gespräch im Beichtstuhl verbracht. Dem Pater war dabei aufgrund ihrer offensichtlichen Probleme und Sünden mehr und mehr unwohl geworden, bis er ihre Geschichte mit Beten unterbrochen hatte. Offensichtlich wusste er sich nicht anders zu helfen.
Dabei hatte sie bloß von den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens erzählt. Erzählt von all den Schlägen, den Abstürzen, von verlorenen Kindern und Drogenexzessen, von der Straße und von den Männern. Sie selbst fand es reichlich merkwürdig, dass sie nun den Mut aufgebracht hatte, ausgerechnet einem Mann von all dem zu erzählen. Vielleicht waren nicht alle Männer schlecht, vielleicht hatte sie nur ausnahmslos die schlechten kennengelernt.
„Ich bete um die Vergebung meiner Sünden.“, sagte sie aufrecht, obwohl sie immer noch nicht so recht an den Effekt dieser Beichte glauben wollte. „Sie seien dir vergeben, mein Kind.“, antwortete Pater Josef und verließ eilends den Beichtstuhl, auf den Lippen Worte von wichtigen Terminen.
In der eiligen Flucht vor ihr unterschied er sich jedenfalls nicht von den meisten Männern, die sie kennengelernt hatte. Sicher, einige waren geblieben und hatten sie entweder um ihr Geld geprellt oder zu mehr gezwungen, als vereinbart war. Einige hatten sie verprügelt, aus reiner Freude, jemand schwächerem weh tun zu können.
Oft hatte sie geweint, hatte sich geekelt vor sich selbst, hatte wieder geweint. Und viel zu oft hatte sie zu Flaschen gegriffen, schließlich zu anderen Substanzen. Manche Männer zwangen sie, das Kondom wegzulassen, was bei ihr zu zwei Fehlgeburten und einem behinderten, kleinen Mädchen geführt hatte. Sie hatte zu dem Kind nie eine Beziehung aufbauen können, gerade weil es entstanden war, wie es entstanden war. Sie hatte es in die Babyklappe gegeben und war direkt danach in die nächste Bar gestürmt, um sich den Rest der Nacht „Jim Beam“ einzuflößen, in der Hoffnung, die Schmerzen damit runterspülen zu können. Am nächsten Abend hatte sie bereits die nächsten Kunden empfangen.
Auch gestern war sie in solch einer Bar gewesen, weswegen sie heute noch Kopfschmerzen und Übelkeit hatte und mit den Gedanken nicht ganz beieiander gewesen war. Ihre Füße hatten sie schließlich fast von selbst in die Kirche geführt.
Sie hatte wohl irgendwie gehofft, dass da jemand wäre – körperlich anwesend oder nicht. Dass es da jemanden geben möge, der ihr zuhören könnte und ihr die Sorgen, Schmerzen und Erinnerungen nehmen könnte. Ihr helfen würde können.
Doch dann war bloß Pater Josef aufgetaucht.
Jetzt trat sie zurück ins Sonnenlicht vor dem Kirchenportal. Sie zündete sich eine Kippe an und sah sich um. Die Kirche an sich war recht hübsch, ein altes, graues Gemäuer mit einem schwarzen Schieferdach und zwei hohen Türmen, die drohend über die Stadt blickten. Sie fühlte sich nach dem Gespräch nicht anders. Die Worte, die solange in ihr verborgen gewesen waren und schließlich einfach so hervorgesprudelt waren, hatten zwar den Pater in Schock versetzen können, aber sie hatten ihr nicht das erwartete Gefühl der Linderung verschafft. Traurig wandte sie sich von der Kirche ab, einen weiteren, tiefen Zug von der Zigarette nehmend.
Als sie am Kirchenfriedhof entlang kam, blieb sie einen Moment stehen. Die Sonne bahnte sich just in dem Moment ihren Weg durch die Wolkendecke, einzelne Strahlen fielen auf die Grabsteine und ließen vereinzelt Marmor oder Blumenblüten erstrahlen. Sie genoss das Gefühl der Wärme im Nacken, schloss die Augen und vergaß für einen Moment ihre Sorgen.
Als sie die Augen wieder öffnete und wegen der plötzlichen Helligkeit blinzeln musste, sah sie auf einmal eine alte Dame an einem Grab stehen, eine Blume niederlegen und einen Moment verweilen. Sie fragte sich, wo die Frau so plötzlich hergekommen sein mochte.
Da plötzlich drehte die alte Dame sich um, sah ihr fest in die Augen und ging entschlossenen Schrittes in ihre Richtung. Kurz bevor sie sie erreicht hatte, überlegte sie noch, ob sie vor der alten Frau fliehen sollte. Sie hatte böse Reaktionen auf ihr offensichtliches Erscheinungsbild schon öfter erlebt.
Doch bevor sie den Gedanken beendet hatte, war die alte Dame schon heran.
Sie nahm ihre Hand fest in die ihre und sprach sie an: „An einem so schönen Tag, meine Liebe, sollte niemand alleine sein mit seinen Gedanken. Komm Kind, erzähle einer alten Frau eine Geschichte.“
Mit diesen Worten nahm sie sie abermals bei der Hand und führte sie weg vom Friedhof.
Hinter ihnen brach die Sonne abermals durch die Wolken und ein einzelner Strahl fiel auf das Grab, an die alte Dame eben noch gestanden hatte.
Auf dem Grabstein stand zu lesen: „Hier ruht Sr. Johanna Maria, die letzte vom Orden der barmherzigen Schwestern der Mutter Gottes.“ …