16: Wer ist Charly?

2. Februar, 11:57h

„Guck mal, wie gefällt dir die hier?“, fragt Lukas, während er irgendetwas hochhält, was aussieht wie die 50er-Jahre-Steck-Frisur meiner Oma, die Sex mit einem Streifenhörnchen gehabt hat. Während ich mir das Lachen verkneife und Lukas leicht betreten dreinschaut, drehe ich mich wieder Richtung Regal, aus welchem mich ein etwas stumpf wirkender Kopf mit hell leuchtenden Augen und zu viel Acryl-Makeup angrinst.

Es ist Samstag und wir gehen shoppen. Es ist kein normales Shoppen (zumindest, wenn man weniger als 80 Jahre alt ist) weil wir heute eine Perücke für mich finden wollen. Die OP ist zwar schon länger her, aber weil ich mir der Sache zunächst nicht sicher war und die Krankenkasse über den Jahreswechsel ewig für den Papierkram für die Kostenübernahme gebraucht hat, sind wir erst jetzt hier. Und das ewige Hippie-Kopftuch-Tragen oder Gefragt-Werden-ob-man-denn-Pirat-sei geht mir mittlerweile tierisch auf die Nerven. Von aufgemalten Augenbrauen mal ganz zu Schweigen, die kenne ich sonst nur von RTL II.

Allein den Perückenladen (ja, es gibt echt Läden ausschließlich für Perücken) zu betreten, war unheimlich schwierig für mich, obwohl er wirklich günstig mitten in der Einkaufsstraße der Stadt liegt. Ich scheine auch nicht die erste junge Krebspatientin zu sein, die sich hier eine After-Chemo-Perücke kauft, denn als wir den Laden betreten haben, kam eine nette, alte Frau aus einem Hinterzimmer, die mir sofort ansehen konnte, was ich will, denn sie hat gleich auf das für mich richtige Regal verwiesen, während Lukas anscheinend eher daran interessiert war, mich auf einen Schlag zur hässlichsten Freundin aller Zeiten zu machen, wenn man sich ansieht, was er bisher ausgesucht hat. Ich hänge mit den Blicken immer noch an den Augen von „Charly“, denn so heißt der gruselig aufgemachte Kopf mit der Perücke, die mir bisher am ehesten gefällt. Die Perücke, die Charly trägt (oder heißt), ist schwarz und stellt so einen ziemlichen Kontrast zu meinen blonden Haaren dar, die ich sonst hatte. Auch Lukas scheint der Gedanke gerade gekommen zu sein, er fragt, ob ich mir da ganz sicher wäre und ob ich wirklich mit schwarzen Haaren herumrennen möchte.
Wieso nicht, frage ich, also zuckt er bloß mit den Schultern und murmelt irgendwas von erst-mal-dran-gewöhnen. Etwas zu trotzig drehe ich mich um und blicke ihm in die Augen, worauf er abwehrend die Hände hebt und mich anlächelt. Da ist der Trotz auch schon wieder verschwunden und dem Gefühl tiefer Zuneigung gewichen, immerhin begleitet mich Lukas ja auch heute, wie sonst auch, ohne dass ich ihn erst bitten musste. Während er sich immer noch lächelnd wegdreht, um sich weiter umzusehen, schaue ich in den Spiegel, der an der Wand hängt. Ein komisches Gefühl, irgendwie viel zu warm und leicht kratzig auf dem Kopf. Die schwarzen Haare wirken total ungewohnt, ich sehe etwas zu sehr nach Grufti aus, für meinen Geschmack. Oder wie eine Hexe. Ich trete ein Stück näher ran und trotz des schwachen Raumlichts kann ich die Ringe unter meinen Augen sehen, genauso wie die feinen Hautalterungen. Nachwirkungen von Chemo und Bestrahlung. Ich schaue mir selbst in die Augen, nicht sicher, ob nicht selbst diese ein Stück mehr Richtung Grau tendieren als früher. Eigentlich erkenne ich die Frau in dem Spiegel gar nicht. Sie sieht zehn, fünfzehn Jahre älter aus, als ich es bin. Und nicht nur, dass sie schwarze Haare hat, diese Charly scheint auch schon eine ganze Menge Scheiße durchgemacht zu haben. Sie sieht einfach irgendwie ungesund aus. Sie ist zu dünn, zu müde, zu fertig, zu gestresst, zu sehr mit sich beschäftigt. Sie sieht aus, als ob sie weder einen klaren Gedanken fassen noch den Moment genießen kann.

Lukas hat mittlerweile bemerkt, dass ich mich seit Minuten selbst anstarre und fragt, ob alles klar bei mir wäre und ob wir gehen könnten, weil er unbedingt noch Sportschuhe brauche. Klar, sage ich und drehe mich lächelnd zu ihm um, was er nur mit einem Hochziehen der linken Augenbraue quittiert. Ich nehme die schwarze Perücke. Für einen ziemlich stolzen Preis.
Als wir den Laden verlassen und ich mich noch einmal im Schaufenster betrachte starrt mich Charly wieder an. Ich hatte gehofft, sie wäre einfach im Spiegel im Laden geblieben, stattdessen trage ich sie jetzt irgendwie mit mir herum. Wie ein Schatten, den man nicht los wird.

Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.
Zehn Minuten später bin ich immer noch in Gedanken, während Lukas lautstark über die Vorteile von Kompressionsshirts monologiert, bis ich schließlich völlig unvermittelt ausbreche und ihm an den Kopf werfe, er solle das scheiß Teil jetzt doch bitte einfach kaufen. Lukas verschlägt es darauf erst mal die Sprache, ich laufe dunkelrot unter schwarzer Perücke an und stammel vorschnell irgendwas von bitte jetzt einfach nach Hause fahren. Lukas hat die Verblüffung überwunden, sagt aber nichts, sondern zieht nur abermals die linke Augenbraue hoch. Er schnappt sich das Shirt aus dem Regal, zahlt und wir gehen schweigend nebeneinander her.
Im Auto sage ich immer noch nichts, weil ich mich so schäme, Lukas so angeschnauzt zu haben und weil ich gar nicht mit Sicherheit sagen kann, wo in Gottes Namen das eigentlich herkam.
Ich schaue in den rechten Außenspiegel von Lukas Wagen und da ist sie wieder, Charly. Eine kurze Sekunde denke ich, das Spiegelbild lächelt mich tückisch an. Dann ist der Moment vorbei und da ist wieder nur das müde, abgeschlagene und viel zu dünne Ich mit den Augenringen und eingefallenen Wangen.

 

 

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