Was ist eigentlich „deutsch“?

Menschen schreien durcheinander, brüllen Parolen in die Nacht. Ein Jeder trägt eine Fackel oder eine Fahne spazieren, Mütter nehmen ihre Kinder bei der Hand. Viele sind betrunken, andere ohnehin angestachelt und aggressiv genug, für das, was gleich folgen soll…

Die Hetze ist zurück, in ihrer hässlichsten Gestalt drängt sie zurück auf die Straße. „Deutschland den Deutschen!“ ist wieder modern geworden, vereinzelt durch „Nein zum Heim!“ – und „Ausländer raus!“-Rufe. Steine, Böller, Flaschen fliegen, während der kreischende Mob sich aufmacht um denen entgegenzutreten, die in ihrem Leben schon so viel mehr durchgemacht haben, als sich der ostdeutsche Durchschnittsnazi von seinem Fliesentisch aus auch nur entfernt vorstellen kann.

Wer mit Sand und Hitze eben nur Mallorca und den Ballermann verbindet und mit körperlichen Strapazen das Gassigehen mit dem Rottweiler, der kann sich eben nicht vorstellen, wie eine mehrmonatige Flucht durch unwirtliche Gegenden aussieht. Wer sich Nike-Schuhe und Thor-Steinar-Pullis leistet, weiß eben nicht, wie es ist, mit nichts als der Kleidung am Leib die Reise in ein vermeintliches Paradies anzutreten. Und wer selber nichts im Leben gelernt hat, hat eben Angst, dass eine gut ausgebildete Fachkraft aus Syrien oder Nigeria eher einen Arbeitsplatz bekommt.

2006 hieß es „Die Welt zu Gast bei Freunden“ und, getragen von der WM, erfuhr das Land eine unglaubliche Euphorie. Konnte es wirklich sein, dass Deutschland und die Deutschen trotz des rechten Minimalrandes ihre neue Identität gefunden und die Schrecken des Dritten Reiches endgültig überwunden hatten? Konnte es sein, dass diese WM dazu reichte?

Heute wissen wir, dass es wohl nicht gereicht hat. Wir können noch so viele Fußballturniere ausrichten, Menschen aus anderen Ländern empfangen wir trotzdem nicht immer mit offenen Armen und einem freundlichen Lächeln. So erlischt diese neue gewonnene deutsche Identität im flackernden Licht der Fackelzüge, so vergeht unsere Hoffnung auf eine offene, mutige und menschliche Gesellschaft in Resignation über Facebook-Kommentare, in denen offen die Wiederaufnahme der Vergasungen in Auschwitz verlangt wird.

Doch sind das Deutsche, die so etwas schreiben? Können das Deutsche sein, wenn doch immerhin die Mehrheit von ihnen nicht einmal die deutsche Rechtschreibung beherrscht? Können das Deutsche sein, wenn sie 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Vernichtung anderer Ethnien verlangen und gleichzeitig „einem  Volkssturm gleich“ (..) die Identität des deutschen Volkes als Über-Volk und „Herrenrasse“ wiedererstehen lassen wollen?

Zum Glück nicht.

Zum Glück sind es einige wenige Spinner, die, außer auf Facebook, wohl wenig Resonanz finden werden. Das Dritte Reich war und ist Geschichte. Dumm nur, dass offensichtlich so wenige daraus gelernt haben. Dass so viele sich auf die Seiten der rechten, rassistischen Hetzer stellen und diesen Schweinen, diesem Pack, Gehör schenken und ein Forum schenken. Dass sie ihre Märsche mitmachen. Dass alle, die anderer Meinung sind und sich auf die Seiten dieser armen Menschen, die in ihrer Verzweiflung bis zu uns kommen, stellen, als „Volksverräter“ abgestempelt und niedergeschrien werden. Und dass wieder Heime und Aufnahmestellen brennen, Morddrohungen ausgesprochen werden und Menschen aufgrund ihrer Herkunft Angst um ihr Leben haben müssen.

Jenen Deutschen, die so wenig deutsch sind, wünsche ich eine ähnliche Flucht, den Politikern und Rädelsführern, die mit ihrer Polemik kräftig mitmischen, die Pest an den Hals.

IHR seid keine Deutschen! Ihr seid Rassisten!

Deutsch sein heißt vor allem, die zentrale Rolle Deutschlands in der Geschichte, aber auch seine zentrale Rolle im heutigen Europa wahrzunehmen und anzuerkennen. Aber auch, zu erkennen, wie sehr diese Deutschland in seiner Rolle von anderen profitiert.

Wer Panzer an Kriegsverbrecher verkauft, der kann auch hinterher die Versehrten und Kriegsopfer aufnehmen.

Wer Saatgut außerhalb Europas massiv mit Zöllen belegt, der kann auch die Hungernden speisen, wenn sie bis hierher kommen.

Wer Europa in eine Festung verwandelt, der kann auch Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten.

Doch wer ohne nachzudenken die Wiedereröffnung von Auschwitz oder Dachau fordert, der kann nur eines – unbelehrbar und dumm sein.

Und so klammere ich mich fest an den Gedanken, dass Deutschland, dass die Deutschen eben nicht so sind. Dass es nicht „deutsch“ ist, gegen Flüchtlinge zu sein. Sondern dass die Mehrheit, obgleich die schlimmen Meldungen überwiegen, das wahre Gesicht Deutschlands zeigt. Und nur allzu gern Hilfe leistet, egal was es kostet.

Denn das ist menschlich.

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3 Gedanken zu “Was ist eigentlich „deutsch“?

  1. Ganz toller Kommentar, klug argumentiert. Vor allem die Aufzählungen am Schluss finde ich sehr treffend. Mir ist aufgefallen, dass sich leider nicht nur Geschichte aus dem Dritten Reich zu wiederholen scheint. Vielleicht interessiert´s dich ja. https://reliina.wordpress.com/
    Weiter so, ich versuche daran zu glauben, dass Logik und Verstand irgendwann Dummheit schlagen. 🙂

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