Back in the Game

Man. Es ist Dienstag, ich bin den zweiten Tag zurück in der Schule, nach einer gefühlt ewigen Abwesenheit aus bekannten Gründen und die Lehrer haben nix besseres zu tun, als mir direkt vier Nachholklausuren in die nächsten zwei Wochen einzuschieben. Hallo, ich wurde am KOPF operiert!?

Zu meiner allergrößten Freude beginnt der Reigen an Nervenreizung der schlimmsten Sorte denn auch mit Mathe. Es war so klar. Jetzt sitze ich also hier und arbeite an der nächsten „Mangelhaft“-Klausur, die mit Sicherheit genauso schlecht wird, wie prophezeit, obwohl ich die letzten Tage extra noch mit Lukas wiederholt und gelernt habe. Na ja, was soll´s, auch ohne Hirntumor wäre es wahrscheinlich auf das Gleiche hinausgelaufen. Da nervt mich die Deutschklausur nächste Woche noch wesentlich mehr, immerhin muss ich dafür ein stinklangweiliges Buch lesen, nebenbei noch für Pädagogik lernen und auch noch diverse Nachsorgeuntersuchungen über mich ergehen lassen.

Speziell auf den Besuch bei meiner Frauenärztin bin ich gespannt. Ich hoffe, die verdammte Chemo ist spurlos an meinem Körper vorübergegangen, immerhin soll in einem Monat die nächste anfangen, da möchte ich schon wissen, ob ich das alles ohne langfristige Schäden überstehen kann.

So sitze ich jetzt hier, schaue mal wieder aus dem Fenster in den Schnee hinaus, fahr mir mit der mal wieder schweißnassen Hand durch die immer noch ziemlich kurzen Haare und rätsle an diversen Buchstabengleichungen herum. Nein, Mathe und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr, selbst wenn ich das Glück haben sollte, dass es noch sehr lang werden sollte.

Dabei müsste ich jetzt wirklich mal einen Gang höher schalten, was die Schule angeht, gerade wegen der Chemo. Dann werde ich wieder wochenlang fehlen, obwohl ich jetzt schon ganz knapp vor Nicht-zum-Abi-zugelassen-werden bin. Da bringen mir auch ein paar Wiederholungsstunden mit Lukas und wenige nachgeschriebene Klausuren nicht viel.

Zur Not muss ich eben ein Jahr dranhängen. Wenn das der Preis für einen Tumor weniger im Kopf ist, was soll´s. Man soll ja immer die Gesundheit obenan stellen, da macht ein Jahr länger in der Schule nicht viel aus. Wobei, wenn ich so recht überlege, macht mir das eigentlich eine ganze Menge aus. Noch ein Jahr Mathe beim Fleischer?

Ich blicke auf die Uhr und stelle leicht resigniert fest, dass die Zeit mittlerweile nicht einmal mehr reicht, um auch nur die restlichen Aufgaben der Klausur zu lesen. Kurzerhand schmeiße ich also den Kuli in meine Tasche, stehe auf, greife nach meiner Jacke und Tasche und drücke im Rausgehen dem verschwitzt-verwirrt wirkenden Herr Fleischer die Klausur in die Hand.

Ohne ein weiteres Wort bin ich raus aus dem Klassenraum. Ich steuere zielsicher das Schulkiosk an, um mir einen Latte Macchiato zur Belohnung zu gönnen, dann suche ich nach Svenja, die jetzt eigentlich hier irgendwo in der Nähe stehen und sich über ihre Fingernägel oder das TV-Programm von gestern unterhalten sollte. Ich bin immer noch etwas sauer auf sie, wegen Silvester. Als meine Blicke sie dann finden, wie sie so mit ein paar anderen Mädels aus der Stufe zusammensteht, bin ich aber ganz froh, dass sie meine Freundin ist und bleibt.

Es ist nämlich nicht sonderlich schön, mit einem Latte in der Hand von allen anderen auf dem Schulhof angeglotzt zu werden wie ein Alien auf Mittelmeerkreuzfahrt.

Bevor ich also noch roter im Gesicht werde, gehe ich schnurstracks rüber zu Svenja und den Mädels, um mich in einer Gruppe Gleichaltriger verstecken zu können. Svenja blickt auf und fragt, wie die Klausur gelaufen sei, was ich mit einem Achselzucken und Zuprosten mit Latte Macchiato quittiere. Und weil damit alles gesagt ist, fängt sie leise an zu lachen, wahrscheinlich, weil sie selbst in der Klausur vorher genauso gut abgeschnitten hat. Wenn ich wirklich das Jahr wiederholen muss, wird Svenja mir sehr fehlen, wird mir plötzlich bewusst. Mit den anderen Leuten hier, vor allem mit denen in der Stufe unter uns, habe ich nämlich gar nicht so viel am Hut, wenn man von dem Gerede und dem Mit-dem-Finger-auf-mich-zeigen mal absieht.

Tolle Aussichten also. Egal, Hauptsache Abitur und weitermachen im Leben, der Rest ergibt sich schon. Ganz davon abgesehen, dass meine Erkrankung mir auch gezeigt hat, worauf es eher so im Leben ankommt. Ich glaube, ich bin ein wenig zielstrebiger geworden, mir selbst bewusster gegenüber. Da macht es wohl Sinn, die Fühler schon ein wenig Richtung Zukunft auszustrecken, auch wenn sich irgendwann ein Zeitpunkt ergeben sollte, der mir eine weitere Hiobsbotschaft schenkt.

Zynismus scheint eine Nebenwirkung der Chemo zu sein, etwas, was auch Lukas mit leicht kritischen Blicken schon mal bemerkt hat. Aber keiner kann wohl erwarten, dass ich das alles einfach so wegstecke, ein Jahr Schule wiederhole und mein restliches Leben durchziehe, ohne immer wieder an diesen Schlag denken zu müssen. Oder doch?

Ist mein Anrecht auf Meckern erloschen, nachdem ich eine tödliche Krankheit halbwegs überstanden habe? Immerhin, ich bin nicht auf dem OP-Tisch liegen geblieben und habe augenscheinlich keine bleibenden Schäden davongetragen. Darf ich mich dann nicht auskotzen über die Dinge, die mir jetzt gegen den Strich gehen, auch wenn sie vielleicht ganz anders gelagert sind, als meine Probleme früher? Ich denke, doch. Ist mir egal, ob man sich nicht so anstellen soll und sich des Lebens an sich erfreuen sollte. Ich sehe das Leben jetzt eben anders, mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Zynismus und schwarzem Humor. Niemandem muss das gefallen, weder meinen Eltern, noch Lukas, noch Svenja oder den Lehrern. Jeder verarbeitet solche Dinge eben anders.

Oder übertreibe ich es damit doch ein wenig?

In Gedanken bin ich schon wieder bei Mathe, keine Ahnung wieso. Immerhin habe ich nächstes Jahr Gelegenheit, etwas motivierter an den Start zu gehen. Und da das schon beinahe eine Tatsache ist, warum denke ich an diese Klausur zurück?
Vielleicht, weil sie symbolisch für eben genau dieses Konsortium an Gedanken steht, die mich gerade so ein bisschen in den Wahnsinn treiben. Gut, wenn Mathe schon mein Ventil werden soll, dann hau ich nächstes Jahr eben lauter Einsen raus.

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