Vergeben und Vergessen?

1. Januar, 10:27h

Was für ein scheiß Abend. Was für ein scheiß neues Jahr. Was für ein scheiß Leben! Es hätte so romantisch und geil werden können, aber nein, das Schicksal wartet mal wieder mit einem Schlag in die Fresse auf. Wie konnten die beiden mir das nach den ganzen Katastrophen der letzten Zeit nur antun? Jetzt sitz ich hier am Fenster in meinem kalten Zimmer mit einem kalt werdenden Tee in der Hand, starre in das Halbdunkel da draußen und beobachte, wie die Flocken lautlos zum Boden gleiten. Es schneit. So sehr, dass ich nicht mal den Baum im Vorgarten von den Meißners gegenüber erkennen kann. Hier sitze ich und heule mir die Augen aus, mal wieder. Das wird langsam zum Ritual hier. Warum muss auch immer so viel Scheiße passieren?

Um von vorne anzufangen: Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu Weihnachten hat Mama alles darangesetzt, mich wieder hochzupäppeln. Also habe ich seitdem jeden Tag gefühlt eine Million Kalorien in Form von Obst, Gemüse und meinen Lieblingsgerichten zu mir genommen, gepaart mit einem Burger dann und wann. Nicht die schlechteste Art, das Gesundwerden zu unterstützen. Gesetzt dem Fall, mir war zum gegebenen Zeitpunkt nicht kotzübel von den scheiß Medikamenten.

Mit viel Bitten und Betteln und tausend schmeichelnden Worten hat Mama dann auch zugelassen, dass ich zu Svenjas Sylvesterparty gehen durfte. Während Lukas also gelangweilt auf meinem Bett lag und in diversen Frauen- und Fitnessmagazinen geblättert hat, bin ich vor meinem Schrank auf und ab gehüpft, weil ich mal wieder ratlos bezüglich der Wahl meiner Klamotten war. Bis Lukas schließlich ein Machtwort gesprochen hat, damit wir Sylvester nicht vor meinem Kleiderschrank verpassen würden. So sind wir dann dick eingemummelt und mit Stiefeln versehen durch den postweihnachtlichen Schnee gestapft, Sylvesterknaller im Arm und Flaschen voll warmer Bowle im Gepäck. In Svenjas Partykeller angekommen musste ich erst einmal einen Willkommen-zurück-Sturm über mich ergehen lassen und bestimmt sieben Mal erzählen, was mir passiert ist, was mit mir gemacht wurde und wie es mir denn gehe. Svenjas Eltern hatten anscheinend die halbe Nachbarschaft, alle Bekannten und Freunde, sowie unsere halbe Klasse zu ihrer Kellerparty eingeladen. Nach dem ersten  Ansturm an Leuten wurde es dann aber ganz schnell auch wieder ruhiger. Ich konnte sogar ab und zu eine Tanzeinlage unterbringen, ohne gleich mit Herzrasen und Schwächeanfall in den Seilen zu hängen. Körperlich scheint es also langsam bergauf zu gehen.

Der Abend zog sich also hin, gefüllt mit Gesprächen, dem einen oder anderen Glas Billig-Sekt und tausend nervigen Fragen. Bis hin zum einen entscheidenden Moment, der mich mal wieder hier vors Fenster treibt und zum Heulen bringt, sobald ich nur dran denke.

Gemäß der Menge an Sekt und anderer Getränke, die ich intus hatte, musste ich zwischendurch mal auf Toilette. Währenddessen hatte Svenja sich Lukas zum Tanzen ausgeliehen, was solls, ist ja meine beste Freundin. So dachte ich. Bis zu jenem Moment, an dem ich in meinen Stiefeln die Kellertreppe runtergestolpert bin und Lukas und Svenja Arm in Arm gesehen habe. Mehr als Arm in Arm. Ganz-dicht-dran-Arm-in-Arm sozusagen. Um nicht zu sagen Ganz-dicht-dran-und-die-Lippen-aufeinander-Arm-in-Arm.

Ich kann nicht beschreiben, was dann passiert ist. Aber das erste Gefühl kam einer „Ice-Bucket-Challenge“ gleich, bloß dass jemand das Wasser gegen den miesen Billig-Sekt ausgetauscht hat. Das Gefühl der Kälte verzog sich aber blitzschnell, dann setzte mein Gehirn komplett aus und ich nahm das nächste erreichbare Sektglas und kippte es den beiden mit Eleganz in die erschrockenen Gesichter. Was danach kam, weiß ich jetzt aber wirklich nicht mehr genau, aber ich nehme an, ich bin mit heißen Tränen auf den Wangen die Treppe hochgestürmt (auf einmal ziemlich trittsicher), habe mir meine Jacke geschnappt und bin an den Fragezeichen-Gesichtern im Flur vorbei nach draußen in den Schnee gestürmt. Lukas ist mir sogar noch hinterhergerannt, aber ich habe ihn bloß angeschrien, er solle sich verpissen, bis er mit eingekniffenem Schwanz den geordneten Rückzug angetreten hat.

Den Rest der Nacht bin ich, so glaube ich, ziellos in der Siedlung umhergewandert, vorbei an glücklichen Leuten, die sich alle in den Armen gelegen und sich ein frohes neues Jahr gewünscht haben, während sie mit feuchten Augen in den von Raketen bunt erleuchteten Sylvesternachtshimmel starrten.

Jetzt also sitze ich mit roten Augen, schniefender Nase und einem mittlerweile kalten Tee in der Hand an meinem Fenster und schaue raus in den Schnee. Scheiß Schnee. Kalt, eintönig, grau und trostlos. Fast fühlt es sich an, als würde es in mir auch schneien. Aber Scherben, keine weißen Flöckchen. Das Beste an der ganzen Sache ist, dass ich mir auch noch die Schuld gebe. Ich bin hässlich und entstellt, so ohne Haare, aufgedunsen von den scheiß Medikamenten, hab mich wochenlang nicht bei Lukas gemeldet und überhaupt so gar nicht wertgeschätzt, was die beiden für mich getan haben in der ganzen Zeit. Und doch, ich bin verletzt, traurig und stinksauer über ihren miesen Verrat. Da kann das neue Jahr ja nur noch mieser werden.

Stunden später klingelt es unten an der Tür und mein Herz macht schon einen kleinen, ungewollten Hüpfer, in der Hoffnung, Lukas käme in Tränen angekrochen, um sich auf Knien bei mir zu entschuldigen. Doch zu meiner grenzenlosen Überraschung höre ich über das „Frohes Neues“-Gequatsche meiner Mutter hinweg Svenjas Stimme. Was will die denn hier? Mir sagen, dass die beiden seit gestern endgültig ein Paar sind und wir uns leider nicht mehr sehen werden, weil das so besser für alle Beteiligten sei? Das soll sie mal versuchen, dann kann sie mal erleben, wie besser eine Teetasse für Schneidezähne sein kann.

Im gleichen Moment erschrecke ich über meinen internen Gefühlsausbruch, immerhin ist das meine vermeintlich beste Freundin, von der ich hier rede. Was ist bloß los mit mir?

Ehe ich mir selbst eine Antwort zurechtlegen und über weitere, wüste Worte für Svenja nachdenken kann, steht sie auch schon in meiner Zimmertüre, mit einem Kuschelteddy in der Hand. Was soll der Scheiß denn jetzt? Machen wir jetzt einen Tausch? Teddy gegen ersten Freund?

Dann sehe ich die Tränen in ihren Augenwinkeln. Stumm schaue ich sie an, bis ich schließlich weggucken muss und aus dem Fenster starre, während es in mir wieder anfängt, zu brodeln.

Sie beginnt stammelnd zu reden. Erst höre ich gar nicht hin, einfach, weil ich es nicht hören will. Die ganzen Erklärungen. Doch dann winken die Erinnerungen an alles, was wir zusammen erlebt haben fröhlich in meinem Gehirn und ich wende mich ihr doch zu. Sie hat sich mittlerweile auf meinen Schreibtischstuhl gesetzt und der Teddy dient als improvisiertes Taschentuch für die zahlreichen Krokodilstränen, die ihre Wangen runterkullern. Fuck, jetzt muss ich zuhören.

Svenja redet davon, wie schwer die vergangenen Monate waren. Wie sehr ich ihr gefehlt habe und wie sehr ich vor allem Lukas gefehlt habe. Wie ungewiss die beiden nur mit der Situation umgehen konnten und wie viel Angst sie hatten, mich zu verlieren.

An dem Punkt schreit eine kleine, fiese Stimme mit Hörnern und Dreizack in mir, was sie denn glaubten, dann mit der gestrigen Aktion erreicht zu haben. Doch weiter.

Sie erklärt mir, dass die beiden sich oft ausgetauscht hätten, ihre Sorgen geteilt hätten, um den Menschen, der ihnen beiden am meisten bedeuten würde. Ich.

In mir rührt sich etwas, aber ich bin immer noch stinksauer.

Wie sie sich öfter mal getroffen hätten, um einen Tee zu trinken und über alles zu reden, oder aber auch, um Besuche bei mir zu planen oder meine Mutter zu überreden, mich zu dieser Party gehen zu lassen. Dabei hätte sie die ganze Situation irgendwie entscheidend zusammengeschweißt.

Der Kuss gestern, und sie versichert mir heulend, das sei alles gewesen, wäre bloß der Gipfel dieser entstandenen Vertrautheit gewesen und von beiden nicht gewollt. Svenja wolle ja mich als beste Freundin und Lukas mich nicht als Partnerin verlieren. Es täte beiden unendlich leid und würde nie mehr vorkommen, gerade auch, weil ich ja zum Glück auf dem Weg der Besserung sei.

Ich weiß nicht, was ich von alldem halten soll und breche erst einmal völlig unspontan in Tränen aus, weil der ganze Mist wieder hochkommt. Nicht nur der Kuss gestern, sondern auch mein Aussehen, meine fehlenden Haare, die Chemo, die Übelkeit und die OP-Schmerzen. Laut schluchzend heule ich vor mich hin, bis Svenja aufspringt und wir uns heulend in den Armen liegen.

Da merke ich, dass ich übertrieben habe mit meiner Reaktion. Und dass ich den beiden Unrecht getan habe, schließlich wissen sie genauso wenig, wie sie mit alledem umgehen sollen, wie ich. Die Wut ist verflogen, das Heulen bleibt noch eine Weile. Am Ende sprechen wir uns aber irgendwie aus. Ich sage Svenja, dass sie mir immer noch alles bedeutet, es aber im Moment schwierig ist. Dass ich wohl erstmal allein sein will. Sie versteht das, sagt aber auch, dass ich Lukas eine Chance geben solle, zumal der Kuss nicht einmal von ihm ausgegangen sei und er, nachdem ich weggerannt bin, drei Stunden mit Tränen im Gesicht und stockbesoffen im Schnee gehockt habe.

Na ja, eine Lungenentzündung scheint mir für den Moment aber irgendwie angemessen. Wenigstens heißt das auch, dass er jetzt mal derjenige ist, der eine Krankenschwester braucht. Und auf einmal geht es mir schon viel, viel besser und der Schnee vor meinem Fenster wirkt auch nicht mehr so grau.

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