Wie es um die Pflege steht.

Lange nichts geschrieben, erst Recht nicht im Bereich Sozialpolitik.

Die jüngste Serie an Stern-Artikeln über die Zustände im deutschen Gesundheitssystem, insbesondere in den deutschen Krankenhäusern, hat mich mal wieder zum Nachdenken gebracht, immerhin gehöre ich direkt zu den Betroffenen.

Da ich selbst Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger bin, verfolgte ich diesen so plötzlichen medialen „Aufschrei“ des Sterns natürlich mit Interesse.

Nach der ersten Lektüre die Ernüchterung: Ein Pfleger berichtet aus seinem katastrophalen Arbeitsalltag, mit Augenmerk auf verschiedene Bereiche, in denen es ach so unmenschlich abläuft. Dass er damit zunächst einmal nicht Unrecht hat wird aber durch den durch den Bericht vermittelten Eindruck geschmälert, es gehe in allen Krankenhäusern gleichermaßen zu, immer und zu jeder Zeit. Ein wenig Differenziertheit wäre hier wohl wünschenswert, ist aber angesichts der fehlenden journalistischen Ausbildung der meisten Pfleger und Pflegerinnen nicht zu verlangen.

Klickt man sich aber durch die Links zu den weiteren Artikeln zum Thema, in denen durchaus auch „mächtigere“ Personen zu Worte kommen, die den allgemeinen Kanon teilen, beginnt das Nachdenken erst recht.

Lange schon wollte ich einen Artikel zu diesem Thema schreiben, vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt dafür.

Unabhängig von Aufregerthemen wie Hygiene-Skandalen oder mordenden Pflegern, versuche ich mal, das Ganze nüchtern darzulegen, ohne hier mit Schmutz über meine Arbeit um mich werfen zu wollen. Außerdem kann ich für mich selbst nicht allzu viel Berufserfahrung attestieren, auch wenn der Tenor unzumutbarer Zustände vom kleinen Krankenpflegeschüler bis zu den Chefärzten reicht.

Ich gehe daher auch nicht auf konkrete Zustände in meinem eigenen Hause ein, was ich einfach unfair meinem Arbeitgeber gegenüber fände. Denn auch wenn viele immer nur Negatives sehen, so gibt es auch positive Dinge zu berichten, auch von seiten der höheren Krankenhaushierarchie. Nicht anders war es ja auch in einem der Stern-Artikel zu lesen.

Doch zunächst will ich die Frage nach den Gründen für diesen Beruf stellen und beantworten:

Die Arbeit mit Menschen macht Spaß. So vielfältig wie Menschen sind, ist auch die Arbeit mit ihnen. Klar, der eine oder andere Patient ist schnell genervt und geht mir als Pfleger auch einfach auf den Keks. Aber wenn eine nette, alte Omi einem ein Lächeln schenkt oder mit zitternden Fingern über die Wange streicht, um ihre Dankbarkeit auszudrücken, macht das eine Menge Frust wett. Und auch die nervigen Patienten kann man häufig verstehen, wenn man sieht, wie lange sie zum Teil in einem Krankenhausbett liegen und auf Untersuchungen und Gespräche mit Ärzten warten müssen. Wir als Pflegekraft sind dann ein Ventil für angestaute Sorgen, Ängste, Unsicherheiten und auch Aggressionen. Doch auch für diese Patienten sind wir da.

Wir sind da, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, an Feiertagen und an Wochenenden, wenn andere auf Parties, Geburtstage, Abendessen, BBQ´s oder ins Kino gehen. Wir stehen um fünf Uhr morgens auf und gucken um Sechs schon durch die Akten und in den PC, versuchen den Tag zu planen und mit der Zeit hinzukommen.

Und wir tun das gerne. Auch wenn ich für meinen Teil meine berufliche Zukunft eher in der Medizin selbst sehe, mache ich meine Arbeit gerne. Ich versuche stets nach bestem Gewissen menschlich und bedürfnisorientiert zu handeln, was mir leider allzu oft nicht möglich ist.

Was uns die Arbeit mit kranken Menschen also wirklich vermiest und in einigen Fällen unmöglich macht, sind die herrschenden Bedingungen, für die weder die Patienten, noch die Pflege, noch die Ärzte und auch das Management zu 99% nichts können. Sicher, wenn man unzufrieden ist, sind zunächst immer erst „die Anderen“, in dem Fall vielleicht die Vorgesetzten Schuld. Aber ich denke, dass hier der Druck vor allem nur weitergereicht wird.

Seinen Ursprung hat die Problematik meiner Meinung nach in unseligen Umstellungen wie dem Abrechnen nach Fällen, dem sogenannten DRG-System, das mehr und mehr zu einem „Masse statt Klasse“-System verkommt, trotz der Nachbesserungen, die die Politik bisher angestrebt hat. Bekommt eine 57-Jährige Frau eine künstliche Hüfte, ist sie ohne Komplikationen nach ca. 12 Tagen gesund genug für die Entlassung. Bekommt eine demente 75-Jährige eine künstliche Hüfte, die dabei öfter mal aus dem Bett springt, in dem sie dank Bettgitter zum Eigenschutz eingesperrt ist, ist ein zum Teil erheblicher pflegerischer Mehraufwand gegeben und sie kann auch erst nach vielleicht 21 Tagen das Haus verlassen. Das System bildet diesen Mehraufwand aber nur sehr eingeschränkt ab, obwohl die zweite Patientin bei gleicher Diagnose und OP erheblich mehr Aufwand und damit Kosten verursacht hat.

Auf der anderen Seite kommt hinzu, dass die Betriebskosten eines Krankenhauses zu 60% aus Personalkosten bestehen, von denen wiederum ein nicht unerheblicher Teil auf die Kosten für die Pflege entfallen. Wenn man also alle Möglichkeiten der Ersparnis, wie z.B. bei Energie und Material, ausgeschöpft hat, bleibt nur das Personal als Einsparmöglicheit.
(Und nicht in jedem Haus gibt es einen Personalschlüssel, der garantiert, wie viel Pflegekräfte für wie viele Patienten zuständig sind – ein Umstand, dessen Änderung durch unseren ehemaligen Gesundheitsminister, Herrn Bahr, abgeschmettert wurde. Welcher jetzt im übrigen bei einer privaten Krankenversicherung als Berater tätig ist.)

Die Entwicklung hier läuft also auf immer mehr Patienten, die von immer weniger Pflegekräften versorgt werden, hinaus. Da spreche ich dann von einem Pflegenotstand anderer Natur. Denn immerhin sollen Pflegekräfte bei all dem Stress gleichzeitig noch möglichst regelmäßig Fortbildungen besuchen und immer weiter neue Tätigkeiten lernen und übernehmen, um flexibel aufgestellt zu sein und den ebenso stressgeplagten Ärzten weitere Teile ihrer Tätigkeiten abzunehmen.

Sicher, positiv dabei ist, dass die Pflege sich nicht mehr als bloße Erfüllungsgehilfin sehen muss. Aber wenn ich doch mehr und mehr Qualifikationen erreichen muss, um mit der Zeit zu gehen und immer mehr und mehr Dokumente kennen, ausfüllen und nachweisen können muss, warum ist es dann bitte so schwer, diese neue Rolle der Pflege anzuerkennen und bitteschön auch entsprechend zu vergüten? Unsere Arbeit macht uns krank, Rückenleiden und Burnout sind nicht mehr selten, Stress und andauerndes, schweres Heben fordern einfach ihren Tribut. Aber warum muss man gleichzeitig noch für Ärzte mitdenken, Sekretär und Transporteur sein, den Seelsorger für rund 25 Personen und womöglich auch noch Kollegen spielen, ohne die Gesamtheit und Vielfalt dieser Tätigkeiten angemessen honoriert zu bekommen?

Nebenbei soll man in unserer alternden Gesellschaft natürlich auch noch eine Familie gründen und Kinder erziehen, trotz Stress und Schichtdienst, 12 Tage-am-Stück-arbeiten und den üblichen Widrigkeiten des Alltags.

Nicht nur, dass die Pflege so direkt davon betroffen ist, auch Fehler und Mängel kommen so gehäuft vor. Auch in der Hygiene. Da werden dann schon mal Tabletten, Patienten oder Akten vertauscht, Patienten müssen im Liegen selber gucken, wie sie mit dem Essen klar kommen, statt an der Bettkante zu sitzen und es angereicht zu bekommen, da wird mal ein Nachtschrank weniger geputzt, weil man schon fünf andere da stehen hat, es wird eine Salami-Visite gehalten, deren folgende Anordnungen man dann zwischendurch wenn gerade Zeit ist, umsetzt oder für die ach so wichtige Dokumentation eine halbe Stunde länger geblieben, für die man natürlich keinen Korrekturzettel schreibt, weil man die Zeit eh nicht zugeschrieben bekommt. Der Spätdienst ist ja schon da. (Und ist aber mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt).

Es krankt an allen Ecken und Enden-  hier kann ich dem Stern traurigerweise nur zustimmen. Nichtsdestotrotz macht mir mein Job Freude, auch wenn mein Rücken sich beschwert und dem Ganzen einen Riegel vorschieben wird und ich eben nicht zu den Hardcore-Schwestern zähle, die auch mal krank arbeiten kommen.

Ich bin glücklich damit, wenn die nette Omi sich bedankt, denn dann habe ich zumindest mal einen Teil meiner Arbeit richtig machen können.

In Zukunft wird die Pflege noch professioneller sein müssen- und vor allem zahlreicher, angesichts steigender Zahlen an alten und kranken Menschen. Doch sie soll dann auch bitte die Würdigung erfahren, die ihr zusteht, materieller wie immaterieller Natur.

Ich wünsche mir, dass die Pflege in Zukunft einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Ärzteschaft hat, dass auch die Bezahlung ähnlich ist und dass Krankenhäuser nach Qualität, nicht nach der Zahl der abgerechneten Fälle wirtschaften können (und müssen). Ich wünsche mir, dass die Ärzte der Pflege mehr zutrauen, dass das Management sich ein wenig mehr den Sorgen der Pflege annimmt und dass alle Menschen in Deutschland sicher sein können, auch im nächsten Krankenhaus um die Ecke die bestmögliche Versorgung bekommen.

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