Eine Fragestunde mit… mir selbst.

Für die Leute, die doch gern noch etwas über mich wissen wollen.

Warum schreibst du? Und warum schreibst du in einem Blog?

Tja, warum schreibe ich? Vermutlich, weil es trotz manchmal sehr bescheidenem Talent dafür doch Spaß macht. Wortspiele, Bilder im Kopf, Provokationen, Stilmittel. Erst, wenn man selbst zum Schreiberling wird, macht alles, was man je in der Schule zu Literatur gelernt hat, auch Sinn. Ich möchte unterhalten, ich möchte zum Nachdenken anregen und die Leute und Leser überlegen lassen, ob und wie viel von mir selbst in meinen Texten steckt. Und dann bin ich immer überrascht, wenn andere sagen, sie hätten in einer Figur glasklar mich selbst gesehen, auch wenn das für mich selbst zu dem Moment nicht so klar war.

Schreiben macht einfach Spaß. Es bietet mir nicht nur Ablenkung oder Beschäftigung, sondern auch ganz einfach die Möglichkeit, meine manchmal überschießende Kreativität, Gedankensprünge oder Wörterfluten zu sortieren und meinem Geist ein Ventil zu geben. Ich reagiere mich sozusagen ab, was man sowohl auf negative, als auch positive Energie beziehen kann.

Den Blog betreibe ich, nun ja, aus einer Laune heraus. Das Ding ist irgendwie zum Selbstläufer geworden, mittlerweile öffne ich eben eher wordpress statt Microsoft Word. Sicher, das Ganze wirkt im Endeffekt einfach nur unsortiert, aber bei dem Chaos kann ich vielleicht davon ausgehen, dass Leute, die etwas bestimmtes lesen wollen, auch über andere Texte stolpern.

Dennoch speichere ich die guten Texte natürlich ab, ändere und überarbeite sie immer wieder. Daher ist kaum ein Beitrag hier eine endgültige Fassung.

Aber wo liegt z.B. deine Motivation, wenn du Gedichte über die Liebe schreibst, dann aber plötzlich wieder eine traurig-melancholische Kurzgeschichte?

Ich weiß nicht, ob man von Motivation sprechen kann, wenn es um gefühlsbasierte Texte geht. Das meiste basiert doch eher auf spontanen Eingebungen, kürzlich Erlebtem und dann wieder doch Dingen, die ich länger schon mit mir herumtrage. Aber sich dann tatsächlich hinzusetzen und etwas zu schreiben, geschieht doch meist spontan. Deswegen sind meine Texte hier auch nicht perfekt. Was ich aber gar nicht schlimm finde, da der Blog doch eher dazu da ist, meine spontane Kreativität zu zeigen, als dass ich Texte von langer Hand plane. (Nicht, dass ich das nicht könnte.)
Warum ich so oft über die Liebe oder Melancholie schreibe, weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht. Vielleicht, weil es für mich eben beides nur zusammen gibt, oder weil das eine manchmal aus dem anderen resultiert. Vielleicht, weil ich selbst allein bin oder weil ich in meinem Leben schon Dinge getan habe, die ich bereue und immer bereuen werde. Vielleicht aber auch, weil ich der festen Überzeugung bin, dass jeder Romantik braucht, sei sie kitschig oder nüchtern, sofort ersichtlich oder nur schwer verständlich. Nicht umsonst zähle ich Gedichte von Erich Fried zu meinen Einflüssen, sofern man solche beim spontanen Schreiben haben kann. Ich schreibe ja auch nicht für mich oder wegen mir selbst, sondern auch, um anderen zu zeigen, dass ich sie verstehe. Auch wenn ich sie vielleicht nicht einmal kenne. Mir ist herzlich egal, ob mich alle hypen und meine Texte sagenhaft gut finden oder nicht, solange es da draußen Leute gibt, die meine Texte lesen und sich sagen „Das fand ich jetzt gut, der Text versteht mich.“

Und selbst melancholische Kurzgeschichten schreibe ich manchmal mit einem Lächeln im Gesicht.

Du hast Erich Fried als eine Art Einfluss angesprochen. Welche Einflüsse hast Du noch? Oder vielmehr, welche Bücher liest du sonst?

Den Gedichtband von Erich Fried habe ich von einer lieben Freundin geschenkt bekommen, die damit ziemlich genau getroffen hat, was mich ausmacht und beschäftigt. Damals wusste ich das noch nicht so genau, auch wenn mir die Gedichte durchaus gefallen haben. Heute lese ich jedenfalls gerne immer wieder mal rein, um dann tief beeindruckt das Buch zurückzulegen. 

Sonst stehen bei mir eher Fantasy-, Science-Fiction- oder historische Romane herum, ab und an auch Thriller. Ich bin kein großer Literat, hab weder Schiller noch Shakespeare jemals komplett gelesen. Aber ich lese gern auch mal Texte im Netz, von anderen Bloggern oder was mir sonst so zufliegt. Ob man deswegen jetzt besser oder schlechter schreiben kann, sei dahingestellt. Ich war in der Schule Fan von Brecht, insgesamt hat wohl auch Politik und die Beschäftigung damit Einfluss auf mich.

Schließlich schreibe ich auch oft genug über Dinge, die mich stören und nerven. Oder Leute, die mich stören und nerven.

Was liest Du denn im Moment?

Gestern Nacht noch habe ich zum zweiten Mal (ja, ich lese Bücher mehrmals) „Der Heidenfürst“ von Bernard Cornwell begonnen. Davor waren es, glaube ich, drei Romane aus dem Expanded Universe von Star Wars. 

Wie kommt´s, dass Du als Mann nicht nur schreibst, sondern auch relativ viel kochst?

Kochen und Schreiben haben sehr viel gemeinsam. Ausprobieren, abschmecken, korrigieren, sich über das fertige Ergebnis freuen. Ich esse gern, also koche ich auch gern. Ich habe schon als Kind mit meiner Mutter in der Küche gestanden und beim Zwiebelschneiden geheult. Heute probiere ich natürlich auch mal kompliziertere Dinge aus oder stell mich auch gerne der Herausforderung, für mehrere Leute zu kochen.

Nichtsdestotrotz gehe ich natürlich auch gerne essen und lasse mich bekochen.
Nebenbei arbeite ich auch noch an einem eigenen Kochbuch, das im Moment leider nicht viel mehr als eine Sammlung von Rezepten und Anekdoten ist. Ich hoffe aber, damit dieses Jahr endlich ansatzweise fertig zu werden.

Kurz gesagt: Was geht Dir so richtig auf die Nerven?

Leute, die der deutschen Sprache selbst nicht mächtig sind, aber „Auslenda rauus!“ skriptiv brüllen.

Nochmal in kurz: Wem willst Du einfach mal „Danke“ sagen?

Alex. Die mir immer mit Kritik und Zuspruch zur Seite steht, nicht nur, wenn es ums Schreiben geht. Und natürlich dem Entdecker des Kaffees.

Was wünschst Du dir für die Zukunft?

Einfach mal um Verzeihung bitten zu dürfen, einen sicheren Job, einen Traumbody, dass es meinen Leuten immer gut geht, viel Kreativität, einen Verlagsvertrag, dass der neue Star Wars-Film bitte nicht scheiße wird, dass ich endlich mal wieder Urlaub am Meer machen kann, viele neue Leser und Kommentare und natürlich, dass mir die Liebe meines Lebens begegnet.

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Vergeben und Vergessen?

1. Januar, 10:27h

Was für ein scheiß Abend. Was für ein scheiß neues Jahr. Was für ein scheiß Leben! Es hätte so romantisch und geil werden können, aber nein, das Schicksal wartet mal wieder mit einem Schlag in die Fresse auf. Wie konnten die beiden mir das nach den ganzen Katastrophen der letzten Zeit nur antun? Jetzt sitz ich hier am Fenster in meinem kalten Zimmer mit einem kalt werdenden Tee in der Hand, starre in das Halbdunkel da draußen und beobachte, wie die Flocken lautlos zum Boden gleiten. Es schneit. So sehr, dass ich nicht mal den Baum im Vorgarten von den Meißners gegenüber erkennen kann. Hier sitze ich und heule mir die Augen aus, mal wieder. Das wird langsam zum Ritual hier. Warum muss auch immer so viel Scheiße passieren?

Um von vorne anzufangen: Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu Weihnachten hat Mama alles darangesetzt, mich wieder hochzupäppeln. Also habe ich seitdem jeden Tag gefühlt eine Million Kalorien in Form von Obst, Gemüse und meinen Lieblingsgerichten zu mir genommen, gepaart mit einem Burger dann und wann. Nicht die schlechteste Art, das Gesundwerden zu unterstützen. Gesetzt dem Fall, mir war zum gegebenen Zeitpunkt nicht kotzübel von den scheiß Medikamenten.

Mit viel Bitten und Betteln und tausend schmeichelnden Worten hat Mama dann auch zugelassen, dass ich zu Svenjas Sylvesterparty gehen durfte. Während Lukas also gelangweilt auf meinem Bett lag und in diversen Frauen- und Fitnessmagazinen geblättert hat, bin ich vor meinem Schrank auf und ab gehüpft, weil ich mal wieder ratlos bezüglich der Wahl meiner Klamotten war. Bis Lukas schließlich ein Machtwort gesprochen hat, damit wir Sylvester nicht vor meinem Kleiderschrank verpassen würden. So sind wir dann dick eingemummelt und mit Stiefeln versehen durch den postweihnachtlichen Schnee gestapft, Sylvesterknaller im Arm und Flaschen voll warmer Bowle im Gepäck. In Svenjas Partykeller angekommen musste ich erst einmal einen Willkommen-zurück-Sturm über mich ergehen lassen und bestimmt sieben Mal erzählen, was mir passiert ist, was mit mir gemacht wurde und wie es mir denn gehe. Svenjas Eltern hatten anscheinend die halbe Nachbarschaft, alle Bekannten und Freunde, sowie unsere halbe Klasse zu ihrer Kellerparty eingeladen. Nach dem ersten  Ansturm an Leuten wurde es dann aber ganz schnell auch wieder ruhiger. Ich konnte sogar ab und zu eine Tanzeinlage unterbringen, ohne gleich mit Herzrasen und Schwächeanfall in den Seilen zu hängen. Körperlich scheint es also langsam bergauf zu gehen.

Der Abend zog sich also hin, gefüllt mit Gesprächen, dem einen oder anderen Glas Billig-Sekt und tausend nervigen Fragen. Bis hin zum einen entscheidenden Moment, der mich mal wieder hier vors Fenster treibt und zum Heulen bringt, sobald ich nur dran denke.

Gemäß der Menge an Sekt und anderer Getränke, die ich intus hatte, musste ich zwischendurch mal auf Toilette. Währenddessen hatte Svenja sich Lukas zum Tanzen ausgeliehen, was solls, ist ja meine beste Freundin. So dachte ich. Bis zu jenem Moment, an dem ich in meinen Stiefeln die Kellertreppe runtergestolpert bin und Lukas und Svenja Arm in Arm gesehen habe. Mehr als Arm in Arm. Ganz-dicht-dran-Arm-in-Arm sozusagen. Um nicht zu sagen Ganz-dicht-dran-und-die-Lippen-aufeinander-Arm-in-Arm.

Ich kann nicht beschreiben, was dann passiert ist. Aber das erste Gefühl kam einer „Ice-Bucket-Challenge“ gleich, bloß dass jemand das Wasser gegen den miesen Billig-Sekt ausgetauscht hat. Das Gefühl der Kälte verzog sich aber blitzschnell, dann setzte mein Gehirn komplett aus und ich nahm das nächste erreichbare Sektglas und kippte es den beiden mit Eleganz in die erschrockenen Gesichter. Was danach kam, weiß ich jetzt aber wirklich nicht mehr genau, aber ich nehme an, ich bin mit heißen Tränen auf den Wangen die Treppe hochgestürmt (auf einmal ziemlich trittsicher), habe mir meine Jacke geschnappt und bin an den Fragezeichen-Gesichtern im Flur vorbei nach draußen in den Schnee gestürmt. Lukas ist mir sogar noch hinterhergerannt, aber ich habe ihn bloß angeschrien, er solle sich verpissen, bis er mit eingekniffenem Schwanz den geordneten Rückzug angetreten hat.

Den Rest der Nacht bin ich, so glaube ich, ziellos in der Siedlung umhergewandert, vorbei an glücklichen Leuten, die sich alle in den Armen gelegen und sich ein frohes neues Jahr gewünscht haben, während sie mit feuchten Augen in den von Raketen bunt erleuchteten Sylvesternachtshimmel starrten.

Jetzt also sitze ich mit roten Augen, schniefender Nase und einem mittlerweile kalten Tee in der Hand an meinem Fenster und schaue raus in den Schnee. Scheiß Schnee. Kalt, eintönig, grau und trostlos. Fast fühlt es sich an, als würde es in mir auch schneien. Aber Scherben, keine weißen Flöckchen. Das Beste an der ganzen Sache ist, dass ich mir auch noch die Schuld gebe. Ich bin hässlich und entstellt, so ohne Haare, aufgedunsen von den scheiß Medikamenten, hab mich wochenlang nicht bei Lukas gemeldet und überhaupt so gar nicht wertgeschätzt, was die beiden für mich getan haben in der ganzen Zeit. Und doch, ich bin verletzt, traurig und stinksauer über ihren miesen Verrat. Da kann das neue Jahr ja nur noch mieser werden.

Stunden später klingelt es unten an der Tür und mein Herz macht schon einen kleinen, ungewollten Hüpfer, in der Hoffnung, Lukas käme in Tränen angekrochen, um sich auf Knien bei mir zu entschuldigen. Doch zu meiner grenzenlosen Überraschung höre ich über das „Frohes Neues“-Gequatsche meiner Mutter hinweg Svenjas Stimme. Was will die denn hier? Mir sagen, dass die beiden seit gestern endgültig ein Paar sind und wir uns leider nicht mehr sehen werden, weil das so besser für alle Beteiligten sei? Das soll sie mal versuchen, dann kann sie mal erleben, wie besser eine Teetasse für Schneidezähne sein kann.

Im gleichen Moment erschrecke ich über meinen internen Gefühlsausbruch, immerhin ist das meine vermeintlich beste Freundin, von der ich hier rede. Was ist bloß los mit mir?

Ehe ich mir selbst eine Antwort zurechtlegen und über weitere, wüste Worte für Svenja nachdenken kann, steht sie auch schon in meiner Zimmertüre, mit einem Kuschelteddy in der Hand. Was soll der Scheiß denn jetzt? Machen wir jetzt einen Tausch? Teddy gegen ersten Freund?

Dann sehe ich die Tränen in ihren Augenwinkeln. Stumm schaue ich sie an, bis ich schließlich weggucken muss und aus dem Fenster starre, während es in mir wieder anfängt, zu brodeln.

Sie beginnt stammelnd zu reden. Erst höre ich gar nicht hin, einfach, weil ich es nicht hören will. Die ganzen Erklärungen. Doch dann winken die Erinnerungen an alles, was wir zusammen erlebt haben fröhlich in meinem Gehirn und ich wende mich ihr doch zu. Sie hat sich mittlerweile auf meinen Schreibtischstuhl gesetzt und der Teddy dient als improvisiertes Taschentuch für die zahlreichen Krokodilstränen, die ihre Wangen runterkullern. Fuck, jetzt muss ich zuhören.

Svenja redet davon, wie schwer die vergangenen Monate waren. Wie sehr ich ihr gefehlt habe und wie sehr ich vor allem Lukas gefehlt habe. Wie ungewiss die beiden nur mit der Situation umgehen konnten und wie viel Angst sie hatten, mich zu verlieren.

An dem Punkt schreit eine kleine, fiese Stimme mit Hörnern und Dreizack in mir, was sie denn glaubten, dann mit der gestrigen Aktion erreicht zu haben. Doch weiter.

Sie erklärt mir, dass die beiden sich oft ausgetauscht hätten, ihre Sorgen geteilt hätten, um den Menschen, der ihnen beiden am meisten bedeuten würde. Ich.

In mir rührt sich etwas, aber ich bin immer noch stinksauer.

Wie sie sich öfter mal getroffen hätten, um einen Tee zu trinken und über alles zu reden, oder aber auch, um Besuche bei mir zu planen oder meine Mutter zu überreden, mich zu dieser Party gehen zu lassen. Dabei hätte sie die ganze Situation irgendwie entscheidend zusammengeschweißt.

Der Kuss gestern, und sie versichert mir heulend, das sei alles gewesen, wäre bloß der Gipfel dieser entstandenen Vertrautheit gewesen und von beiden nicht gewollt. Svenja wolle ja mich als beste Freundin und Lukas mich nicht als Partnerin verlieren. Es täte beiden unendlich leid und würde nie mehr vorkommen, gerade auch, weil ich ja zum Glück auf dem Weg der Besserung sei.

Ich weiß nicht, was ich von alldem halten soll und breche erst einmal völlig unspontan in Tränen aus, weil der ganze Mist wieder hochkommt. Nicht nur der Kuss gestern, sondern auch mein Aussehen, meine fehlenden Haare, die Chemo, die Übelkeit und die OP-Schmerzen. Laut schluchzend heule ich vor mich hin, bis Svenja aufspringt und wir uns heulend in den Armen liegen.

Da merke ich, dass ich übertrieben habe mit meiner Reaktion. Und dass ich den beiden Unrecht getan habe, schließlich wissen sie genauso wenig, wie sie mit alledem umgehen sollen, wie ich. Die Wut ist verflogen, das Heulen bleibt noch eine Weile. Am Ende sprechen wir uns aber irgendwie aus. Ich sage Svenja, dass sie mir immer noch alles bedeutet, es aber im Moment schwierig ist. Dass ich wohl erstmal allein sein will. Sie versteht das, sagt aber auch, dass ich Lukas eine Chance geben solle, zumal der Kuss nicht einmal von ihm ausgegangen sei und er, nachdem ich weggerannt bin, drei Stunden mit Tränen im Gesicht und stockbesoffen im Schnee gehockt habe.

Na ja, eine Lungenentzündung scheint mir für den Moment aber irgendwie angemessen. Wenigstens heißt das auch, dass er jetzt mal derjenige ist, der eine Krankenschwester braucht. Und auf einmal geht es mir schon viel, viel besser und der Schnee vor meinem Fenster wirkt auch nicht mehr so grau.

Wie es um die Pflege steht.

Lange nichts geschrieben, erst Recht nicht im Bereich Sozialpolitik.

Die jüngste Serie an Stern-Artikeln über die Zustände im deutschen Gesundheitssystem, insbesondere in den deutschen Krankenhäusern, hat mich mal wieder zum Nachdenken gebracht, immerhin gehöre ich direkt zu den Betroffenen.

Da ich selbst Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger bin, verfolgte ich diesen so plötzlichen medialen „Aufschrei“ des Sterns natürlich mit Interesse.

Nach der ersten Lektüre die Ernüchterung: Ein Pfleger berichtet aus seinem katastrophalen Arbeitsalltag, mit Augenmerk auf verschiedene Bereiche, in denen es ach so unmenschlich abläuft. Dass er damit zunächst einmal nicht Unrecht hat wird aber durch den durch den Bericht vermittelten Eindruck geschmälert, es gehe in allen Krankenhäusern gleichermaßen zu, immer und zu jeder Zeit. Ein wenig Differenziertheit wäre hier wohl wünschenswert, ist aber angesichts der fehlenden journalistischen Ausbildung der meisten Pfleger und Pflegerinnen nicht zu verlangen.

Klickt man sich aber durch die Links zu den weiteren Artikeln zum Thema, in denen durchaus auch „mächtigere“ Personen zu Worte kommen, die den allgemeinen Kanon teilen, beginnt das Nachdenken erst recht.

Lange schon wollte ich einen Artikel zu diesem Thema schreiben, vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt dafür.

Unabhängig von Aufregerthemen wie Hygiene-Skandalen oder mordenden Pflegern, versuche ich mal, das Ganze nüchtern darzulegen, ohne hier mit Schmutz über meine Arbeit um mich werfen zu wollen. Außerdem kann ich für mich selbst nicht allzu viel Berufserfahrung attestieren, auch wenn der Tenor unzumutbarer Zustände vom kleinen Krankenpflegeschüler bis zu den Chefärzten reicht.

Ich gehe daher auch nicht auf konkrete Zustände in meinem eigenen Hause ein, was ich einfach unfair meinem Arbeitgeber gegenüber fände. Denn auch wenn viele immer nur Negatives sehen, so gibt es auch positive Dinge zu berichten, auch von seiten der höheren Krankenhaushierarchie. Nicht anders war es ja auch in einem der Stern-Artikel zu lesen.

Doch zunächst will ich die Frage nach den Gründen für diesen Beruf stellen und beantworten:

Die Arbeit mit Menschen macht Spaß. So vielfältig wie Menschen sind, ist auch die Arbeit mit ihnen. Klar, der eine oder andere Patient ist schnell genervt und geht mir als Pfleger auch einfach auf den Keks. Aber wenn eine nette, alte Omi einem ein Lächeln schenkt oder mit zitternden Fingern über die Wange streicht, um ihre Dankbarkeit auszudrücken, macht das eine Menge Frust wett. Und auch die nervigen Patienten kann man häufig verstehen, wenn man sieht, wie lange sie zum Teil in einem Krankenhausbett liegen und auf Untersuchungen und Gespräche mit Ärzten warten müssen. Wir als Pflegekraft sind dann ein Ventil für angestaute Sorgen, Ängste, Unsicherheiten und auch Aggressionen. Doch auch für diese Patienten sind wir da.

Wir sind da, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, an Feiertagen und an Wochenenden, wenn andere auf Parties, Geburtstage, Abendessen, BBQ´s oder ins Kino gehen. Wir stehen um fünf Uhr morgens auf und gucken um Sechs schon durch die Akten und in den PC, versuchen den Tag zu planen und mit der Zeit hinzukommen.

Und wir tun das gerne. Auch wenn ich für meinen Teil meine berufliche Zukunft eher in der Medizin selbst sehe, mache ich meine Arbeit gerne. Ich versuche stets nach bestem Gewissen menschlich und bedürfnisorientiert zu handeln, was mir leider allzu oft nicht möglich ist.

Was uns die Arbeit mit kranken Menschen also wirklich vermiest und in einigen Fällen unmöglich macht, sind die herrschenden Bedingungen, für die weder die Patienten, noch die Pflege, noch die Ärzte und auch das Management zu 99% nichts können. Sicher, wenn man unzufrieden ist, sind zunächst immer erst „die Anderen“, in dem Fall vielleicht die Vorgesetzten Schuld. Aber ich denke, dass hier der Druck vor allem nur weitergereicht wird.

Seinen Ursprung hat die Problematik meiner Meinung nach in unseligen Umstellungen wie dem Abrechnen nach Fällen, dem sogenannten DRG-System, das mehr und mehr zu einem „Masse statt Klasse“-System verkommt, trotz der Nachbesserungen, die die Politik bisher angestrebt hat. Bekommt eine 57-Jährige Frau eine künstliche Hüfte, ist sie ohne Komplikationen nach ca. 12 Tagen gesund genug für die Entlassung. Bekommt eine demente 75-Jährige eine künstliche Hüfte, die dabei öfter mal aus dem Bett springt, in dem sie dank Bettgitter zum Eigenschutz eingesperrt ist, ist ein zum Teil erheblicher pflegerischer Mehraufwand gegeben und sie kann auch erst nach vielleicht 21 Tagen das Haus verlassen. Das System bildet diesen Mehraufwand aber nur sehr eingeschränkt ab, obwohl die zweite Patientin bei gleicher Diagnose und OP erheblich mehr Aufwand und damit Kosten verursacht hat.

Auf der anderen Seite kommt hinzu, dass die Betriebskosten eines Krankenhauses zu 60% aus Personalkosten bestehen, von denen wiederum ein nicht unerheblicher Teil auf die Kosten für die Pflege entfallen. Wenn man also alle Möglichkeiten der Ersparnis, wie z.B. bei Energie und Material, ausgeschöpft hat, bleibt nur das Personal als Einsparmöglicheit.
(Und nicht in jedem Haus gibt es einen Personalschlüssel, der garantiert, wie viel Pflegekräfte für wie viele Patienten zuständig sind – ein Umstand, dessen Änderung durch unseren ehemaligen Gesundheitsminister, Herrn Bahr, abgeschmettert wurde. Welcher jetzt im übrigen bei einer privaten Krankenversicherung als Berater tätig ist.)

Die Entwicklung hier läuft also auf immer mehr Patienten, die von immer weniger Pflegekräften versorgt werden, hinaus. Da spreche ich dann von einem Pflegenotstand anderer Natur. Denn immerhin sollen Pflegekräfte bei all dem Stress gleichzeitig noch möglichst regelmäßig Fortbildungen besuchen und immer weiter neue Tätigkeiten lernen und übernehmen, um flexibel aufgestellt zu sein und den ebenso stressgeplagten Ärzten weitere Teile ihrer Tätigkeiten abzunehmen.

Sicher, positiv dabei ist, dass die Pflege sich nicht mehr als bloße Erfüllungsgehilfin sehen muss. Aber wenn ich doch mehr und mehr Qualifikationen erreichen muss, um mit der Zeit zu gehen und immer mehr und mehr Dokumente kennen, ausfüllen und nachweisen können muss, warum ist es dann bitte so schwer, diese neue Rolle der Pflege anzuerkennen und bitteschön auch entsprechend zu vergüten? Unsere Arbeit macht uns krank, Rückenleiden und Burnout sind nicht mehr selten, Stress und andauerndes, schweres Heben fordern einfach ihren Tribut. Aber warum muss man gleichzeitig noch für Ärzte mitdenken, Sekretär und Transporteur sein, den Seelsorger für rund 25 Personen und womöglich auch noch Kollegen spielen, ohne die Gesamtheit und Vielfalt dieser Tätigkeiten angemessen honoriert zu bekommen?

Nebenbei soll man in unserer alternden Gesellschaft natürlich auch noch eine Familie gründen und Kinder erziehen, trotz Stress und Schichtdienst, 12 Tage-am-Stück-arbeiten und den üblichen Widrigkeiten des Alltags.

Nicht nur, dass die Pflege so direkt davon betroffen ist, auch Fehler und Mängel kommen so gehäuft vor. Auch in der Hygiene. Da werden dann schon mal Tabletten, Patienten oder Akten vertauscht, Patienten müssen im Liegen selber gucken, wie sie mit dem Essen klar kommen, statt an der Bettkante zu sitzen und es angereicht zu bekommen, da wird mal ein Nachtschrank weniger geputzt, weil man schon fünf andere da stehen hat, es wird eine Salami-Visite gehalten, deren folgende Anordnungen man dann zwischendurch wenn gerade Zeit ist, umsetzt oder für die ach so wichtige Dokumentation eine halbe Stunde länger geblieben, für die man natürlich keinen Korrekturzettel schreibt, weil man die Zeit eh nicht zugeschrieben bekommt. Der Spätdienst ist ja schon da. (Und ist aber mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt).

Es krankt an allen Ecken und Enden-  hier kann ich dem Stern traurigerweise nur zustimmen. Nichtsdestotrotz macht mir mein Job Freude, auch wenn mein Rücken sich beschwert und dem Ganzen einen Riegel vorschieben wird und ich eben nicht zu den Hardcore-Schwestern zähle, die auch mal krank arbeiten kommen.

Ich bin glücklich damit, wenn die nette Omi sich bedankt, denn dann habe ich zumindest mal einen Teil meiner Arbeit richtig machen können.

In Zukunft wird die Pflege noch professioneller sein müssen- und vor allem zahlreicher, angesichts steigender Zahlen an alten und kranken Menschen. Doch sie soll dann auch bitte die Würdigung erfahren, die ihr zusteht, materieller wie immaterieller Natur.

Ich wünsche mir, dass die Pflege in Zukunft einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Ärzteschaft hat, dass auch die Bezahlung ähnlich ist und dass Krankenhäuser nach Qualität, nicht nach der Zahl der abgerechneten Fälle wirtschaften können (und müssen). Ich wünsche mir, dass die Ärzte der Pflege mehr zutrauen, dass das Management sich ein wenig mehr den Sorgen der Pflege annimmt und dass alle Menschen in Deutschland sicher sein können, auch im nächsten Krankenhaus um die Ecke die bestmögliche Versorgung bekommen.