willenlos

ich weiß nicht
was ich will
sag mir
was du willst?

vielleicht
will ich das auch
wenn du willst
will ich das auch?

bestimmt
wollte ich
dass du auch willst
wollte ich, doch?

dieses wollen
was will ich
wirst du mir sagen
was will ich?

willst du auch
wenn ich will
oder willst du nur
wenn ich nicht will?

können wir nicht
beide wollen
wenn wir doch eigentlich
beide wollen?

willst du immer
oder lieber nicht
willst du manchmal
oder lieber nicht?

will ich für immer
ja das will ich
will ich mit dir
ja das will ich.

willst du
mit mir wollen
wirst du
mit mir wollen?

Liebe will ich
deine Liebe
wenn du willst
dass ich dich liebe.

Liebe willst du
meine Liebe
wenn ich will
dass du mich liebst.

Im Sonnenschein

Sie spürte die harte Rückwand aus Holz, die Andeutung von Sitzpolster unter sich und konnte einen muffigen Geruch vernehmen, der von altem Holz und vielen Gesprächen zeugte, während sie halbwegs im Gebet versunken Pater Josef durch das vergitterte Fenster beobachtete. Auch er betete. Betete, ganz als ob es ihm um ihr Leben ginge. „Ein „Vater Unser“, auf dass deine Sünden dir vergeben seien und du rechtschaffen auf Gottes Erden magst, auf dass du Seine frohe Botschaft hörst und annimmst. Amen, mein Kind.“, hatte er einige Augenblicke zuvor gestammelt, wie schon einige Dutzend Mal heute. Sie hatte seine Worte hingenommen und betete jetzt still das „Vater Unser“, auch wenn sie sich nach all den Jahren schon kaum mehr an den genauen Wortlaut erinnern konnte. Nun, Gott würde ihr das verzeihen, bestimmt.
Sie konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, was sie dazu bewogen hatte, nach so langer Zeit wieder eine Kirche zu betreten, vor den Altar zu treten und dann in einer der Bänke niederzuknien. Bis Pater Josef sie bemerkt hatte und gefragt hatte, ob auch sie Abbitte leisten wollen würde. Sie hatte kurzerhand „Ja, schon..“ geantwortet und dann hatten beide die nächste halbe Stunde im Gespräch im Beichtstuhl verbracht. Dem Pater war dabei aufgrund ihrer offensichtlichen Probleme und Sünden mehr und mehr unwohl geworden, bis er ihre Geschichte mit Beten unterbrochen hatte. Offensichtlich wusste er sich nicht anders zu helfen.
Dabei hatte sie bloß von den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens erzählt. Erzählt von all den Schlägen, den Abstürzen, von verlorenen Kindern und Drogenexzessen, von der Straße und von den Männern. Sie selbst fand es reichlich merkwürdig, dass sie nun den Mut aufgebracht hatte, ausgerechnet einem Mann von all dem zu erzählen. Vielleicht waren nicht alle Männer schlecht, vielleicht hatte sie nur ausnahmslos die schlechten kennengelernt.
„Ich bete um die Vergebung meiner Sünden.“, sagte sie aufrecht, obwohl sie immer noch nicht so recht an den Effekt dieser Beichte glauben wollte. „Sie seien dir vergeben, mein Kind.“, antwortete Pater Josef und verließ eilends den Beichtstuhl, auf den Lippen Worte von wichtigen Terminen.
In der eiligen Flucht vor ihr unterschied er sich jedenfalls nicht von den meisten Männern, die sie kennengelernt hatte. Sicher, einige waren geblieben und hatten sie entweder um ihr Geld geprellt oder zu mehr gezwungen, als vereinbart war. Einige hatten sie verprügelt, aus reiner Freude, jemand schwächerem weh tun zu können.
Oft hatte sie geweint, hatte sich geekelt vor sich selbst, hatte wieder geweint. Und viel zu oft hatte sie zu Flaschen gegriffen, schließlich zu anderen Substanzen. Manche Männer zwangen sie, das Kondom wegzulassen, was bei ihr zu zwei Fehlgeburten und einem behinderten, kleinen Mädchen geführt hatte. Sie hatte zu dem Kind nie eine Beziehung aufbauen können, gerade weil es entstanden war, wie es entstanden war. Sie hatte es in die Babyklappe gegeben und war direkt danach in die nächste Bar gestürmt, um sich den Rest der Nacht „Jim Beam“ einzuflößen, in der Hoffnung, die Schmerzen damit runterspülen zu können. Am nächsten Abend hatte sie bereits die nächsten Kunden empfangen.
Auch gestern war sie in solch einer Bar gewesen, weswegen sie heute noch Kopfschmerzen und Übelkeit hatte und mit den Gedanken nicht ganz beieiander gewesen war. Ihre Füße hatten sie schließlich fast von selbst in die Kirche geführt.
Sie hatte wohl irgendwie gehofft, dass da jemand wäre – körperlich anwesend oder nicht. Dass es da jemanden geben möge, der ihr zuhören könnte und ihr die Sorgen, Schmerzen und Erinnerungen nehmen könnte. Ihr helfen würde können.
Doch dann war bloß Pater Josef aufgetaucht.
Jetzt trat sie zurück ins Sonnenlicht vor dem Kirchenportal. Sie zündete sich eine Kippe an und sah sich um. Die Kirche an sich war recht hübsch, ein altes, graues Gemäuer mit einem schwarzen Schieferdach und zwei hohen Türmen, die drohend über die Stadt blickten. Sie fühlte sich nach dem Gespräch nicht anders. Die Worte, die solange in ihr verborgen gewesen waren und schließlich einfach so hervorgesprudelt waren, hatten zwar den Pater in Schock versetzen können, aber sie hatten ihr nicht das erwartete Gefühl der Linderung verschafft. Traurig wandte sie sich von der Kirche ab, einen weiteren, tiefen Zug von der Zigarette nehmend.
Als sie am Kirchenfriedhof entlang kam, blieb sie einen Moment stehen. Die Sonne bahnte sich just in dem Moment ihren Weg durch die Wolkendecke, einzelne Strahlen fielen auf die Grabsteine und ließen vereinzelt Marmor oder Blumenblüten erstrahlen. Sie genoss das Gefühl der Wärme im Nacken, schloss die Augen und vergaß für einen Moment ihre Sorgen.
Als sie die Augen wieder öffnete und wegen der plötzlichen Helligkeit blinzeln musste, sah sie auf einmal eine alte Dame an einem Grab stehen, eine Blume niederlegen und einen Moment verweilen. Sie fragte sich, wo die Frau so plötzlich hergekommen sein mochte.
Da plötzlich drehte die alte Dame sich um, sah ihr fest in die Augen und ging entschlossenen Schrittes in ihre Richtung. Kurz bevor sie sie erreicht hatte, überlegte sie noch, ob sie vor der alten Frau fliehen sollte. Sie hatte böse Reaktionen auf ihr offensichtliches Erscheinungsbild schon öfter erlebt.
Doch bevor sie den Gedanken beendet hatte, war die alte Dame schon heran.
Sie nahm ihre Hand fest in die ihre und sprach sie an: „An einem so schönen Tag, meine Liebe, sollte niemand alleine sein mit seinen Gedanken. Komm Kind, erzähle einer alten Frau eine Geschichte.“
Mit diesen Worten nahm sie sie abermals bei der Hand und führte sie weg vom Friedhof.
Hinter ihnen brach die Sonne abermals durch die Wolken und ein einzelner Strahl fiel auf das Grab, an die alte Dame eben noch gestanden hatte.
Auf dem Grabstein stand zu lesen: „Hier ruht Sr. Johanna Maria, die letzte vom Orden der barmherzigen Schwestern der Mutter Gottes.“ …

Chaos

Wenn Chaos in mir herrscht,
herrscht dann auch Chaos in dir
oder kann Chaos in mir herrschen,
während in dir Ruhe herrscht
oder kann Chaos in dir herrschen,
während in mir Ruhe herrscht
oder kann Ruhe in Chaos herrschen,
während in mir gar nichts herrscht
oder kann Chaos in Ruhe herrschen,
während in mir alles herrscht
oder kann in Ruhe Chaos herrschen,
während in dir gar nichts herrscht,
oder kann in Chaos Ruhe herrschen,
während in dir alles herrscht?

Sag mir, was in dir herrscht,
ob Ruhe im Chaos oder Chaos in Ruhe,
ich sag dir, was in mir herrscht:

Das totale Chaos.

Ruhe.

Je suis Charlie

Je suis Charlie

Als ein Mensch, dem nichts wichtiger ist, als die persönliche Freiheit, die eigene Meinung, Gerechtigkeit und das Ausleben des Ichs, komme ich heute nicht umhin, meine Meinung zu den Vorkommnissen in Frankreich diese Woche kundzutun. Auf der einen Seite hat man nur darauf gewartet, dass der Terror nach Europa zurückkehrt. Dass er es auf diese entsetzliche Art getan hat, schockiert auf der anderen Seite dann doch auch sehr persönlich.
Europa, die Wiege von Freiheit, Gleichheit, westlichen Werten und westlichem Recht, ins Herz getroffen von denjenigen, die sich mit mittelalterlichen Vorstellungen gegen vermeintlich persönliche Beleidigung „wehrten“.

Dass es dann ausgerechnet eine Satire-Zeitschrift getroffen hat, macht irgendwie noch mehr betroffen. Denn hier wurden nicht bloß Menschen auf grausame Art und Weise aus dem Leben gerissen, nein, sie wurden aufgrund ihrer Arbeit, ihrer eigenen Entfaltung, hingerichtet. Hier wurde auf symbolische Art ein westliches Grundrecht attackiert, von bösartigen, dummen Tieren, die ihre eigenen Grundrechte schon lange völlig abstrusen Ideologien unterworfen haben.

Freie Meinung, ein Grundrecht, ein Menschenrecht. Nichts wird in dieser Welt so sehr mit Füßen getreten.
Da wo Menschen aufeinander treffen, enstehen zwangsläufig verschiedene Ansichten und Ideen, entstehen Diskussionen und Umdenken, Anpassung und Kompromisse. Ohne diese Grundeigenschaft, die uns zusammen mit Reflexion und Selbstreflexion grundlegend von den Tieren unterscheidet, wäre für die Menschheit keinerlei Evolution oder gar Aufstieg, keinerlei Zivilisierung oder Zivilisation möglich gewesen.

Umso mehr schockiert es, dass diese Eigenschaften von einigen wenigen verkümmert, beschnitten und mit Füßen getreten werden, weil es ihnen irgendeine verdrehte Perversion eines Glaubens (egal, welches Glaubens) diktiert. Diktieren. Diktat. Diktator.
Das Wort beschreibt die Schattenhaftigkeit des Ganzen am ehesten.

Wo persönliche Meinung und Diskurs mit anderen vorhanden sind, schwingt auch immer die Provokation, im Sinne des Religiösen die Blasphemie, mit. Provokation, Hinterfragen, Kritik üben, bilden den Motor der eigenen, aber auch der zivilisierten Entwicklung. Gerade die Zeit der Aufklärung hat aufgezeigt, wie essentiell dieser Motor für die Menschheit ist. Traditionen sind wichtig, sind gut, bilden ein übergeordnetes Gedächtnis. Aber manche Dinge müssen eben angepasst werden oder einfach Erinnerungen bleiben.
Einigen Teilen der Welt fehlt die Aufklärung noch. Und solange dies nicht passiert ist, solange nicht alle Menschen Glauben und Religion, sowie die Kritik daran als Ausleben der Persönlichkeit und nicht mehr empfinden, solange werden Menschen einander Gewalt antun, um überholte und pervertierte Ansichten durchzusetzen. Und solange werden auf dieser Welt Individuen existieren, die durch ihre Ansichten den Tieren noch näher sind, als dem entwickelten und aufgeklärten Menschsein.

In diesem Sinne denke ich an jene Männer und Frauen, die für die Flamme der Freiheit der eigenen Meinung ihre Leben lassen mussten und hoffe, dass ihre Opfer im Sinne einer gesamtmenschlichen Entwicklung nicht umsonst gewesen sind.

Je suis Charlie.