Vergissmeinnicht

Er wanderte gerne, einfach, weil er das Gefühl der Freiheit brauchte, das nur die Natur um einen herum bieten konnte. Seine Füße steckten in groben Stiefeln und dicken Socken, was zwar effektiv Blasen verhinderte, aber ansonsten nicht gerade eine Wohltat für die Sohlen war. So lief er denn an schönen Tagen auch mal barfuß und ließ die Stiefel am großen Seesack um seine Schulter herabhängen. Heute allerdings brauchte er die Schuhe, es goss aus Eimern und die Wege waren zum Teil einfach große Schlammlöcher. Er dachte zurück.

Genau so ein Wetter hatte der Tag seines Weggangs auch geboten, wie passend war es doch gewesen. Er war traurig und aufgewühlt gewesen, hatte aus dem Fenster gesehen und trotz des prasselnden Regens das Gefühl gehabt, er solle lieber dort draußen sein, als mit seinen Gedanken gefangen in seinem Zimmer. So hatte er die alten Stiefel aus dem Keller geholt, wild ein paar Sachen, eine Decke und etwas zu essen in seinen alten Seesack geworfen und war zur Tür hinaus.

Am Dorfausgang, wo das alte, blumenüberwuchterte Haus stand, in dem sie immer noch mit ihrer Mutter wohnte, hielt er einen Moment inne. Er blickte Richtung Fenster im Obergeschoss, unschlüssig, was er tun sollte. Dann ließ er seinen Blick über den prächtigen Garten schweifen, wo schließlich ein blassblauer Wust an Blümchen seine Aufmerksamkeit erregte. Als er sich erinnerte, welche Art Blume er da anstarrte, schien ihm die nächste Idee nur umso passender.

Kurzerhand schob er das Gatter beiseite, trat in den Garten und pflückte eine Reihe der blauen Blümchen mitsamt Stengeln ab. Mit geschickten Händen formte er einen kleinen Kranz, legte diesen an der Türschwelle nieder, dekorierte mit einer weiteren blauen Blume seine Mütze, dann atmete er noch einmal tief durch und ging. Ohne einen weiteren Blick zurück stapfte er durch die Pfützen auf der Dorfstraße, das Gesicht überströmt von kaltem Regenwasser und warmen, salzigen Tränen. Durch den Schleier vor seinen Augen sah er in die Ferne, an den Feldern, auf denen der Raps hell blühte vorbei bis hin zum Wald, in dessen dunkler Verschwiegenheit sein Pfad weiterführen sollte.

 

Das alles war nun schon wenige Wochen her, doch die Wunden der Erinnerung waren immer noch zu frisch, als dass er nur einen Blick zurück hätte werfen können. Immer weiter war er gewandert, Meile um Meile, hatte unter alten Baumstämmen, in Scheunen und kleinen Kapellen übernachtet, jeglichen Kontakt zu Menschen meidend.

So quälend die selbst auferlegte Einsamkeit auch war, sie war nichts im Vergleich zu der Einsamkeit, die sie ihn hatte spüren lassen. Die blaue Blume, mittlerweile vertrocknet und verschrumpelt, hing immer noch müde an seiner Mütze.

Am Nachmittag schließlich erfuhr das Wetter einen kleinen Umschwung, die Sonne brach durch die dunklen Wolken und es wurde spürbar wärmer, wenn auch die Wege immer noch vor Schlamm starrten. Als er am Rande eines kleinen Tannenwaldes, der einsam an einem Hügelhang stand, um eine Wegkurve bog, bot sich ihm der Anblick eines geradezu traumhaft gelegenen Dörfchens, seiner Heimat nicht unähnlich. Am Dorfrand grasten Kühe friedlich auf einer Weide, die wiederum an einem kleinen Weiher lag, über dem eine alte Weide thronte.

Das Plätzchen, so schien ihm, schrie geradezu nach einer kleinen Pause. Und so schritt er zügig aus, bis er im Schatten unter der Weide angelangt war. Er ließ den Seesack fallen, schlüpfte aus den Stiefeln und Socken und ließ die Füße ins Wasser hängen. Wohltuende Kühle umfloss seine Zehen. Dann blickte er sich vorsichtig um, stellte zufrieden fest, dass niemand in der Nähe sei und zog schnell auch seine restliche Kleidung aus und sprang ganz ins Wasser.

Noch während er zügig ein paar Kreise im Wasser zog, das vom anhaltenden Regen sehr kalt war, vernahm er ein herzliches Kichern. Nervös blickte er sich um, konnte aber die Quelle des Geräusches nicht ausmachen, bis sein Blick schließlich in den Ästen der Weide hängenblieben.

Dort saß, mit leicht geröteten Wangen, ein junges Mädchen auf einem Ast und starrte ihn ungeniert an. Er dachte über seine Möglichkeiten nach und schließlich sprach er sie an, nannte ihr seinen Namen und wo er herkam, worauf sie aus dem Geäst des Baumes sprang, ihm freundlich und immer noch verschmitzt lächelnd ihren Namen nannte und ihm seine Kleider hinhielt. Er stieg aus dem Wasser, während sie sich umdrehte, damit er sich ankleiden konnte. Als er fertig war, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn, eine freundliche Einladung auf den Lippen, Richtung Dorf.

Als er sich noch einmal zum Weiher umdrehte, an dem sie ihm mehr oder weniger aufgelauert hatte, sah er gerade noch eine vertrocknete, blaue Blume in den sachten Wellen davon schwimmen.

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