Freitags

„Beate“, frage ich, ohne von der Zeitung aufzublicken, „gehst Du heute eigentlich noch einkaufen?“.

Ein Teller zerschellt am Kühlschrank in tausend Scherben, an den Resten noch Spülschaum haftend.

„Mach deinen Scheiß doch alleine!“, klingelt es in meinen Ohren, dann stapft sie mit wütenden Schritten Richtung Schlafzimmer, das Spültuch noch in der Hand. Ich blicke auf, es muss schon wieder Freitag sein. Ja, ein flüchtiger Blick auf den Kalender bestätigt meine Annahme. Ich erhebe mich seufzend und komme nicht umhin, ein Schniefen hinter der Schlafzimmertüre zu vernehmen.

„Schatz“, beginne ich vorsichtig, „ich wollte bloß fragen, ob ich nicht für Dich einkaufen gehen soll.“ „Das sagst Du jetzt doch nur so, du Arsch!“, schallt es mir entgegen.

Jackpot, schon wieder alles falsch gemacht. „Ich, ääh, hab dich lieb!“, hauche ich noch Richtung Tür, dann schnappe ich mir meine Jacke und den Einkaufszettel von der Kühlschranktür und verlasse beinahe rennend die Wohnung. Im Auto angekommen, überlege ich, wohin mich die Reise zuerst führen soll, während aus dem Radio lauthals „die Ärzte“ mit „Männer sind Schweine“ schallen.

Karma, oder so.
Ein Blick auf den Zettel verrät mir, dass ein Grundbedarf nicht erfüllt ist, es fehlt zwischen „Gemüsegurke“ und „Tampons: Mittelgroß & Saugstark“ ganz klar eine Kiste Bier. Also geht es erst einmal zum Getränkemarkt. Erste Hürde, einen Parkplatz finden. Anscheinend denken alle Rentner, man müsse freitags dringend die Zombie-Apokalypse-Vorräte an Alkohol und anderen Getränken, Chips und Dosenravioli einkaufen, um ja das erste postapokalyptische Wochenende zu überstehen.

Folglich drängeln sich die silbernen Mercedes C-Klassen nur so, dazwischen immer wieder ein Onkel Erhardt mit einem Wagen voll „KöPi“ und „Gerolsteiner medium“. Nach einem gelungenen Slalom ohne Schaden an Mensch oder Maschinen erhasche ich doch noch eine Lücke, parke ein und steige aus. Meine Fresse, haben die sich verabredet? Ja, Tatsache, da quatschen zwei Opi´s gemütlich in der Mitte des Blechkarossensturms übers Wetter. Na ja, ich schnappe mir einen Karren und betrete die heiligen Hallen des Getränkelagers. „Na, Meister, wat darf et denn sein?“, quatscht mich ein pickliger Jüngling in einem zu großen Polohemd in Blaugelb munter an, im Mundwinkel lässig eine Zigarette hängend. „Ein erwachsener Mitarbeiter und ne Kiste Veltins, bitte.“, entgegne ich lasch und bin schon zwischen den Bierregalen verschwunden, als Pickelgesicht schnallt, was ich da gesagt habe. „Eeey, Meister, ich kann dat och, ja?“, meine Fresse, ist der anhänglich.
„Bitteschön“,antworte ich lächelnd und sehe ihm dann dabei zu, wie er sich mit einem Zwanzigerkasten Pils abmüht. „Na, besten Dank. Vielleicht darfst Du das ja auch mal trinken.“, meine ich noch, dann bin ich auch schon Richtung Spirituosen verschwunden. Dieses Mal gibt es anscheinend keinen Verständnisgedankenblitz. Das wär erledigt. Beim Whisky angekommen entscheide ich mich für eine gute Flasche Scotch, irgendwie muss man das Wochenende ja rumbekommen. Nach dem Bezahlen, zurück auf dem Parkplatz, hat sich die Zahl der „KöPi“-Rentner etwas verringert. Na, immerhin etwas.

Der restliche Einkaufszettel führt mich weiter in die Stadtmitte, zum EDEKA meines Vertrauens. Im Parkhaus klingelt mein Handy, es ist Beate. „Denk an die Rinderrouladen für Sonntag, meine Eltern kommen doch zum Essen!“, keift sie mir ins Ohr. Mit einem entnervten „Wie könnte ich das vergessen.“ lege ich auf. Das gibt Ärger. Gut, dass ich den Whisky gekauft habe, das Wochenende wird nämlich immer unerträglicher.
Im EDEKA schnappe ich mir einen Einkaufswagen, aber nicht das Standardmodell. Ich nehme mir einen von diesen Kinderautoeinkaufswagen. Ohne Kind natürlich, einfach, um mir der verdutzten Blicke der Single-Mamas sicher zu sein, die mit gequälten Mienen ihre „Jasons“ und „Justin-Costas“ durch die Gegend schieben. Gemein sein ist was Schönes.

An der Fleischtheke schließlich ersetze ich die Rinderrouladen kurzerhand durch 350-Gramm-Filetsteaks, die passen dann auch besser zum Bier. Zum Nachtisch wird noch eine Portion „Ben&Jerry´s“ eingepackt, das Essen kann kommen.

Auf der Heimfahrt überlege ich nicht nur, wie ich den Abend möglichst mit Fußball, Grill und Dosenbier mit meinen Kumpels verbringe, sondern auch, wie ich Beate wieder milde stimmen kann. Beides zusammen geht nicht. Schade. Manchmal wünscht mann sich eben, Frau wäre Frau und bester Kumpel zugleich.

Ich halte dann doch noch am Blumenladen, um wenigstens einen Strauß Rosen als Entschuldigung vorschieben zu können, brauche aber rund eine Viertelstunde, um was passendes zu finden. Vielleicht, weil ich in Gedanken bei dem schmelzenden Eimer „Ben&Jerry´s“ bin.

Zuhause schließe ich auf, drücke die Tür auf und blicke auf meine verheult-wütende Freundin, die beim Anblick des Blumenstraußes ein Instant-schlechtes Gewissen bekommt. Während sie also glücklich eine Vase sucht, trage ich fix das Bier in den Keller und die Steaks in den Kühlschrank.

Wochenende gerettet, würde ich sagen. Bis Freitag.

Barfuß

Die Bomber waren nachts gekommen, als die ganze Familie auf ihren Matten verteilt lag und geschlafen hatte. Angekündigt worden waren sie von einem kreischenden Geräusch im Himmel, das immer näher kam. Amani hatte wachgelegen, daher hörte sie die Kampfjets früher als ihre Familie näherkommen. Es war in letzter Zeit zwar nicht ungewöhnlich, dass Flugzeuge im Tiefflug über die Gegend rauschten, um die Terroristen im Norden zu bombardieren, doch dieses Mal waren sie irgendwie näher als sonst heran gekommen. Da plötzlich war ein Bomber anscheinend genau über ihrem Dach entlang geflogen. Amani hatte ihre Augen aufgerissen, da vernahm sie schon ein pfeifendes Geräusch, wie ein Unterton der Triebwerke. Doch sie hatte gewusst, was das zu bedeuten hatte und hatte ihre kleine Schwester, die sich mit ihr eine Schlafmatte teilte, unter den Achseln hochgerissen und mit sich ins nahe Bad gerissen. Panisch und mit den überraschten Schreien ihrer Schwester in den Ohren hatte sie sich noch einmal nach den Eltern nebenan umgesehen, als sie schon von den Füßen gerissen worden war.

Um sie herum war mit einem lauten Schlag die Welt untergegangen, als Staub und Trümmer auf sie und ihre Schwester niedergeprasselt waren und sie sich verzweifelt schreiend in den Armen gehalten hatten.
Sie wusste heute nicht mehr wie und wann, aber irgendwann war sie wach geworden, ein Pfeifen im Ohr, mit Blut und Schmutz auf Gesicht und Kleid. Hustend und blinzelnd hatte sie sich nach ihrer Schwester umgesehen, die zwar genauso bleich vom Staub wie sie selbst gewesen war, aber anscheinend unverletzt war, bloß bewusstlos. Nachdem Amani dann vorsichtig alle Arme, Beine und Hände durchbewegt und den gröbsten Dreck abgeklopft hatte, hatte sie mit einem brachialen Stoß die schief in den Angeln hängende Badezimmertür zur Seite gestoßen.

Der Anblick, der sich ihr geboten hatte, hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt: Ihre Wohnung war zur Hälfte zerstört worden, durch Krater in der Hauswand hatte die Sonne bereits erbarmungslos herab gebrannt und im kaum noch vorhandenen Nebenraum hatte Amani vereinzelte, zum Teil verbrannte Körper und Teile davon ausgemacht, ihre Eltern, Schwestern und Brüder, die alle dem nächtlichen Angriff zum Opfer gefallen waren.
Der Anblick hatte sie gefesselt, sie konnte sich nicht rühren, hatte bloß das Rauschen ihres Herzens im Ohr vernommen und ihr Keuchen in der staubigen Luft.
Sie war auf die Knie gefallen, Tränen füllten ihre Augen. Plötzlich hatte sie ein leises Husten wahrgenommen, das sie zunächst gar nicht einordnen konnte; ihre Schwester war bei Bewusstsein. Das Geräusch hatte eine durchschlagende Wirkung auf sie gehabt: Amani war aufgesprungen, hatte den Tränenschleier fortgewischt und war rückwärts ins Bad gestolpert, wo ihre Schwester mit großen, verständnislosen Kulleraugen an der Wand saß. Sie hatte sie auf die Arme hoch genommen, ihre Augen mit der Hand verdeckt und war mit ihr die intakte Treppe hinunter auf die Straße gerannt. Hier war ihr das Ausmaß der Katastrophe erst wirklich klar geworden. Ihr Viertel gab es nicht mehr. All die Läden in der Straße, die Häuser und Wohnungen der Nachbarn, ihre ganze Welt der letzten fünfzehn Jahre war zerstört worden, in einem Augenblick.

Panik hatte sie ergriffen, ihre Schwester hatte lauthals angefangen zu weinen. Amani hatte sich umgesehen, eine Decke auf dem Boden erblickt und sie gegriffen, dann war sie losgerannt, mit der Decke und ihrer Schwester auf dem Arm.

Ohne Pause war sie so bis zum Stadtrand gelaufen, wo weitere Menschen in Schockstarre umherwanderten, ohne ein richtiges Ziel vor Augen. Amani hatte ihre Schwester abgesetzt, ihr die Decke umgelegt und sich abermals umgeschaut. Eine alte Frau war plötzlich in ihr Blickfeld getreten, hatte ihr wortlos einen Kanister Wasser und ein paar Feigen in die Hand gedrückt, dann war sie zurück in Richtung der Trümmer gewandert. Amani hatte auf die Feigen gestarrt, den Horizont beobachtet, ihre Schwester getröstet, dann wieder die Feigen angestarrt.

Schließlich hatte sie einen Entschluss gefasst.

Dieser Entschluss lag jetzt fünf Wochen zurück. Fünf Wochen voller Strapazen, Wunden, Hunger und Durst und dem ewigen Weinen ihrer Schwester. Sie hatte versucht, ihr zu erklären, dass Mama und Papa nicht mehr waren, dass sie auf sich gestellt waren. Doch entweder waren ihr die Worte nicht über die Lippen gekommen, oder ihre Schwester hatte es nicht verstehen wollen. Also weinte sie weiter.

Ihre Füße hatten sie durch die Wüste getragen, weiter, immer weiter. Unterwegs waren sie immer wieder auf andere Flüchtlinge, ja zwei Mal sogar auf Gruppen der Extremisten getroffen. Dann hatten sie sich unter der Decke in Erdlöchern versteckt, bis die Autos der Männer vorbeigefahren waren. Die anderen Flüchtlinge, die sie getroffen hatten, waren sehr unterschiedlich gewesen. Eine komplette Großfamilie hatte sie ein paar Tage aufgenommen und ihre wenigen Vorräte mit ihnen geteilt, andere wiederum hatten sie in ihrer eigenen Not ausgeraubt.

Jetzt liefen sie mit nur wenig Wasser und ohne die Decke oder Nahrung durch die sengende Hitze. Ihre Füße brannten, die Steine im Boden rissen immer wieder neue Kratzer in die Sohlen. Die Sonne brannte vom Himmel und beide Mädchen hatte spröde Lippen und Schwindel vom Sonnenbrand, der ihre freien Körperflächen bedeckte.

Amani hatte gehört, es gebe Hilfe, wenn man sich nur weit genug nach Norden durchschlagen konnte, in die Türkei, das reiche Nachbarland ihrer Heimat.

Immer wieder waren sie auch von den Kampfjets der Armee überflogen worden, was bei ihrer Schwester jedes Mal eine Panikattacke ausgelöst hatte. Doch in  der letzten Zeit waren die Flugzeuge weniger, die Menschen dafür häufiger geworden. Tausende anderer Flüchtlinge zogen in die gleiche Richtung wie sie. In der Hoffnung, dass sie an ihrem Bestimmungsort Hilfe finden würden, waren die beiden Mädchen ihnen gefolgt.

 

Heute war es soweit: Am Horizont hatte sich eine große Masse Menschen versammelt, daneben Soldaten und Armeefahrzeuge. Hier und dort blitzte rot die türkische Flagge auf. Die Hoffnung ließ Amani schneller laufen. Sie nahm ihre Schwester wieder auf die Arme und zusammen liefen sie dem Grenzkontrollpunkt entgegen. Es war laut, soviel lauter als all die letzten stillen Wochen in der Wüste. Menschen riefen durcheinander, einige weinten, andere lagen im Staub. Amani kämpfte sich nach vorne durch, bis sie vor einem Soldaten in Uniform mit einem Gewehr stand. Still blickte sie ihn an, er blickte zurück. Er fragte sie in gebrochenem Arabisch nach ihren Eltern, doch Amani schüttelte nur den Kopf, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie bemerkte langsam, dass die Soldaten niemanden hindurch ließen, sondern alle Flüchtlinge hier abwiesen.

Verzweiflung umklammerte ihr Herz und lähmte ihre Gedanken. Sie wusste nicht, wohin. Plötzlich wurde ihr Schwarz vor Augen und sie merkte noch, wie sie dem Soldaten mit dem ernsten Blick vor die Füße fiel.

Doch er ließ sein Gewehr los und fing sie auf, nahm Amani und ihre Schwester auf die Arme und trug sie am Schlagbaum der Station vorbei in ein Zelt. Ein vorgesetzter Offizier setzte im Vorbeigehen zu einem Tadel an, sah dann aber die Mädchen in den Armen des Soldaten und besann sich eines Besseren. Er nickte bloß in Richtung eines großen, sandfarbenen Zeltes.

Als Amani zu sich kam, lag sie auf einer Liege, eine Infusionsnadel im Arm und mit einer groben Wolldecke zugedeckt. Sie richtete sich auf die Ellbogen auf und sah nach rechts, wo ihre Schwester schlafend auf einer identischen Liege lag. Als sie sich nach links umschaute, saß dort eine alte Frau, die sie schweigend anlächelte, ihr Gesicht streichelte und ihr zwei Feigen hinhielt.

Vergissmeinnicht

Er wanderte gerne, einfach, weil er das Gefühl der Freiheit brauchte, das nur die Natur um einen herum bieten konnte. Seine Füße steckten in groben Stiefeln und dicken Socken, was zwar effektiv Blasen verhinderte, aber ansonsten nicht gerade eine Wohltat für die Sohlen war. So lief er denn an schönen Tagen auch mal barfuß und ließ die Stiefel am großen Seesack um seine Schulter herabhängen. Heute allerdings brauchte er die Schuhe, es goss aus Eimern und die Wege waren zum Teil einfach große Schlammlöcher. Er dachte zurück.

Genau so ein Wetter hatte der Tag seines Weggangs auch geboten, wie passend war es doch gewesen. Er war traurig und aufgewühlt gewesen, hatte aus dem Fenster gesehen und trotz des prasselnden Regens das Gefühl gehabt, er solle lieber dort draußen sein, als mit seinen Gedanken gefangen in seinem Zimmer. So hatte er die alten Stiefel aus dem Keller geholt, wild ein paar Sachen, eine Decke und etwas zu essen in seinen alten Seesack geworfen und war zur Tür hinaus.

Am Dorfausgang, wo das alte, blumenüberwuchterte Haus stand, in dem sie immer noch mit ihrer Mutter wohnte, hielt er einen Moment inne. Er blickte Richtung Fenster im Obergeschoss, unschlüssig, was er tun sollte. Dann ließ er seinen Blick über den prächtigen Garten schweifen, wo schließlich ein blassblauer Wust an Blümchen seine Aufmerksamkeit erregte. Als er sich erinnerte, welche Art Blume er da anstarrte, schien ihm die nächste Idee nur umso passender.

Kurzerhand schob er das Gatter beiseite, trat in den Garten und pflückte eine Reihe der blauen Blümchen mitsamt Stengeln ab. Mit geschickten Händen formte er einen kleinen Kranz, legte diesen an der Türschwelle nieder, dekorierte mit einer weiteren blauen Blume seine Mütze, dann atmete er noch einmal tief durch und ging. Ohne einen weiteren Blick zurück stapfte er durch die Pfützen auf der Dorfstraße, das Gesicht überströmt von kaltem Regenwasser und warmen, salzigen Tränen. Durch den Schleier vor seinen Augen sah er in die Ferne, an den Feldern, auf denen der Raps hell blühte vorbei bis hin zum Wald, in dessen dunkler Verschwiegenheit sein Pfad weiterführen sollte.

 

Das alles war nun schon wenige Wochen her, doch die Wunden der Erinnerung waren immer noch zu frisch, als dass er nur einen Blick zurück hätte werfen können. Immer weiter war er gewandert, Meile um Meile, hatte unter alten Baumstämmen, in Scheunen und kleinen Kapellen übernachtet, jeglichen Kontakt zu Menschen meidend.

So quälend die selbst auferlegte Einsamkeit auch war, sie war nichts im Vergleich zu der Einsamkeit, die sie ihn hatte spüren lassen. Die blaue Blume, mittlerweile vertrocknet und verschrumpelt, hing immer noch müde an seiner Mütze.

Am Nachmittag schließlich erfuhr das Wetter einen kleinen Umschwung, die Sonne brach durch die dunklen Wolken und es wurde spürbar wärmer, wenn auch die Wege immer noch vor Schlamm starrten. Als er am Rande eines kleinen Tannenwaldes, der einsam an einem Hügelhang stand, um eine Wegkurve bog, bot sich ihm der Anblick eines geradezu traumhaft gelegenen Dörfchens, seiner Heimat nicht unähnlich. Am Dorfrand grasten Kühe friedlich auf einer Weide, die wiederum an einem kleinen Weiher lag, über dem eine alte Weide thronte.

Das Plätzchen, so schien ihm, schrie geradezu nach einer kleinen Pause. Und so schritt er zügig aus, bis er im Schatten unter der Weide angelangt war. Er ließ den Seesack fallen, schlüpfte aus den Stiefeln und Socken und ließ die Füße ins Wasser hängen. Wohltuende Kühle umfloss seine Zehen. Dann blickte er sich vorsichtig um, stellte zufrieden fest, dass niemand in der Nähe sei und zog schnell auch seine restliche Kleidung aus und sprang ganz ins Wasser.

Noch während er zügig ein paar Kreise im Wasser zog, das vom anhaltenden Regen sehr kalt war, vernahm er ein herzliches Kichern. Nervös blickte er sich um, konnte aber die Quelle des Geräusches nicht ausmachen, bis sein Blick schließlich in den Ästen der Weide hängenblieben.

Dort saß, mit leicht geröteten Wangen, ein junges Mädchen auf einem Ast und starrte ihn ungeniert an. Er dachte über seine Möglichkeiten nach und schließlich sprach er sie an, nannte ihr seinen Namen und wo er herkam, worauf sie aus dem Geäst des Baumes sprang, ihm freundlich und immer noch verschmitzt lächelnd ihren Namen nannte und ihm seine Kleider hinhielt. Er stieg aus dem Wasser, während sie sich umdrehte, damit er sich ankleiden konnte. Als er fertig war, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn, eine freundliche Einladung auf den Lippen, Richtung Dorf.

Als er sich noch einmal zum Weiher umdrehte, an dem sie ihm mehr oder weniger aufgelauert hatte, sah er gerade noch eine vertrocknete, blaue Blume in den sachten Wellen davon schwimmen.

Nur ein Traum

Wo bist du ?
Woran denkst du?

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Bleib bei mir,
gib mir Halt.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Wenige Stunden nur,
doch so vertraut.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Gott weiß,
ich vermisse dich.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Da ist so viel Musik,
in meinem Kopf, in dir.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Hinge mein Leben davon ab,
doch, das tut es.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Deine Stimme, dein Geruch,
deine Haut, deine Haare.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

War es gestern oder morgen,
verschlungen unter Decken?

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Wirklich ist,
was du wirklich bist.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Leben, immer fort,
nur Leben, leer.

Nur ein Traum, nur ein Traum.

Ach, könnte das Leben doch (m)ein Traum sein. Bunt-laut-hektisch.
Mit dir. Hundert Jahre unter Decken, am Herzschlag des Anderen.
Ein Traum, den wir bestimmen, zusammen. Zusammen träumen. Zusammenträumen.
Liebe, Leben. Im Traum.
Mit dir. Träumen.
Von dir. Träumen.
Im Traum.

Nur ein Traum.

Thema: Sinnkrisen

Heute möchte ich wieder mal ein wenig in die philosophische Richtung des Denkens abschweifen, die Idee dazu ist mir in einem Gespräch gestern Abend gekommen.
Dieser Text soll von Sinnkrisen handeln; was sind Sinnkrisen; was bedeuten sie; wie soll man als Einzelner damit umgehen?

Nun, als Einstieg und um das Thema ein wenig zu erleichtern: Jeder hatte schon einmal eine Sinnkrise, bei manchen bildet sich daraus vielleicht sogar eine Depression, ein Burn-Out oder mehr.
Ich selbst bin nun Mitte Zwanzig, eine Zeit der Umbrüche, die einen Menschen vor die großen Fragen stellt:

Was will ich werden? Wo will ich wohnen? Mit wem will ich leben? Will ich Kinder oder Haustiere haben? Trinke ich lieber Kaffee oder Tee, oder lieber Bier oder Wein?
Fragen über Fragen, die einzeln mit ein wenig Disziplin in den Griff zu bekommen sind.

Kompliziert wird es immer dann, wenn die eine Fragestellung an sich selbst mit einer anderen im Zusammenhang erscheint; dabei ist es unerheblich, ob wirklich ein Zusammenhang besteht, oder ob ich als Person nur einen Zusammenhang sehe. Der entstehende Druck ist schließlich derselbe und kann ganz enorm sein.

Eine Sinnkrise bedeutet dabei stets ein Gefühl der Überforderung, der Hoffnungslosigkeit, ja, ein Tunnel ohne das berühmte Licht am Ende, ein Horizont ohne letzten Sonnenschein. Niemand zeigt einem die Richtung, dafür springen die Gedanken von einem Themen- und Problemfeld zum Nächsten, bis man sich schließlich irgendwo verloren hat und nicht mehr weiß, wo man eigentlich noch anfangen soll. Tiefe Leere erfüllt einen, Gedanken sind wie wabernde Nebelschwaden am Rande des Bewusstseins, die auch mit größter Konzentration nur schwer zu fassen sind und selten brauchbare Ergebnisse liefern. Hinzu kommt exzessives Verhalten, Schlafmangel oder Zeiten, in denen man am Schreibtisch sitzt und auf den Bildschirm starrt, ohne irgendwas zu lesen oder zu denken.

Dabei scheint es so einfach; zahlreiche Ratgeber, menschlich, wie schriftlich, zeigen einem vermeintliche Wege zum privaten Glück auf.
Doch der halbwegs gebildete Mensch verzweifelt auf diesem Weg meist umso mehr; viele Menschen geben sich eben mit wenig zufrieden, etwas, was für einen Denker nicht in Frage kommt.
Außerdem scheint es meist, dass die eigenen Träume kräftig mit der Realität kollidieren oder für den Moment einfach unerreichbar scheinen, sei es, weil einem der richtige Partner, die richtige Umgebung oder die richtige Menge an Geld dafür fehlt.
Sinnkrisen. Sind sie eine normale Herausforderung, die jeder Mensch zu bestehen hat, sei er jung oder alt, reich oder arm? Oder sind sie ein negatives Privileg der denkenden Minderheit?
Ich denke, ersteres. Herausforderungen muss jeder bestehen, doch jeder geht anders damit um. Während viele meiner Freunde einfach die Ruhe in Person sind (oder zu sein scheinen) und planmäßig ihren Weg gehen, sehe ich bloß einen weißen Flur voller Türen, die der Reihe nach auf und zu gehen.
Man sieht, es ist schwer, eine generelle Handlungsanweisung zu finden.
Was den zweiten Aspekt anbelangt: Einfache Menschen haben vielleicht einfache Träume. Aber auch einfache Träume können große Brocken auf dem Weg zum Glück sein.

Doch wie nun handeln, wenn es doch nicht die richtige Handlungsweise gibt? Ist jetzt jeder auf sich allein gestellt? Müssen wir uns nun durch ein Leben der Probleme, Krisen und Herausforderungen kämpfen, bis wir schließlich in einer Kiste zwei Meter unter Blumen enden?
Nein. Man kann vielleicht nicht seine Träume ändern (das sollte man auch nicht), man kann auch mitunter nicht die Umstände oder Wege dahin ändern, doch man kann sehr wohl seine Einstellung ändern.
Man kann sich natürlich ablenken, indem man sich mit den Problemen anderer beschäftigt, aber das ist allzu leicht und bietet keinen Weg aus der eigenen Sinnkrise.

Man sollte sich einfach klar machen, dass Sinnkrisen, so wie fast alles im Leben, eine positive und eine negative Seite haben. Klar, sie erscheinen beinahe immer übermächtig und nehmen einen zentralen Platz im Leben ein, schaffen eine große Leere in der Seele, die nicht leicht zu füllen ist.
Doch wenn man sich einer Herausforderung diszipliniert stellt, wächst man stets daran.
Niemand ist mit Mitte Zwanzig erwachsen, manche sind es mit Vierzig noch nicht (ein Zeitpunkt, an dem meist die zweite Sinnkrise des Lebens folgt).
Beruf, Liebe, Wohnort. Veränderliche Dinge. Vorsicht ist nur geboten, wenn andere Menschen mit am eigenen Schicksal hängen (was die Sinnkrise sodann sehr verschärft).

Ich möchte hier mit Sicherheit nicht die tausendste Anleitung zum perfekten Selbstbild abliefern, wie könnte ich auch, ich , der stets mehr mit dem Leben hadert, als die meisten anderen Menschen?
Doch ich möchte Mut machen. Möchte zeigen, dass man mit einer gesunden Einstellung Herausforderungen eben als Herausforderungen sehen soll und nicht als unüberwindliches Problem. Dass man manche Dinge eben philosophisch angehen muss und nicht unbedingt nüchtern und sachlich.
Zu den eigenen Träumen gehört eben immer ein wenig Spinnerei. So lange man sich nicht darin verliert, sondern die Augen offen hat für seine Ziele und sie Schritt für Schritt angeht, sollte man große Sinnkrisen vermeiden können.

Sinnkrisen. Träume. Wege. Alles miteinander verknüpft, doch unheimlich wertvoll für das Menschsein, das Menschwerden. Man muss sich nur stets fragen, was für ein Mensch man sein will. Dann schlagen viele Türen von selbst zu.

M

Samstagabend

Ich sitz an der Theke und starr in mein Bier,

als ob an dessen Grund die Lösung liegt,

es ist Samstag und ich bin schon wieder hier,

weil die Vernunft das Chaos nicht besiegt.

Ich hoff so sehr, dass du mir schreibst,

dich einfach meldest, mit mir gehst,

und schlussendlich bei mir bleibst.

Merkst du nicht, dass du mir fehlst?

Ich denke zurück, nehm noch nen Schluck,

blicke in die Menge, seh doch nur dich,

eine Millisekunde warst du mein Glück,

nun bist du fort und in meinem Herzen ein Stich.

All das Schreien, all das Lachen,

nichts nehm ich noch wahr,

ich kann nicht einfach weitermachen,

denn du bist nicht mehr da.

Es ist Samstagabend und ich bestell noch ein Bier.

Ach, wärst du doch hier.

Masken

Masken. Überall Masken.

Du siehst sie, in der Menge, von Angesicht zu Angesicht, im Radio, im Fernsehen. Masken.

Sie reden mit dir, reden viel, aber meinen doch nichts. Masken.

Du blickst in ihre glühenden Augen, folgst den Bewegungen ihrer verzerrten Lippen. Masken.

Sie nicken und verneinen, schreien und flüstern, beständig in ihrer Falschheit. Masken.

Du machst dir Gedanken über Bedeutung, über den tieferen Sinn, doch. Masken.

 

Und wenn du es schaffst, die Maske herunterzureißen und dein Innerstes in die Welt zu schreien, leuchtend in der Menge der Fratzen, hinhören und doch wegzusehen, dann betrügen sie dich abermals. Masken.

 

Vergiss nie, deine Maske aufzusetzen.