Der letzte Tanz

Er zog an seiner Zigarette, bis er merkte, dass er langsam am Filter angelangt war, weil die Glut an seinen Fingern brannte. Langsam und genüsslich inhalierte er den Rauch, bis er ihn schließlich langsam durch die Mundwinkel entweichen ließ. Von dem blitzend roten Licht, das von einer an der Decke hängenden Discokugel reflektiert wurde, ließ er sich nicht weiter stören, ebenso wenig von der lauten Musik, die aus alten Boxen in den Ecken dröhnte.

Eine leicht bekleidete Kellnerin wackelte an seinen Tisch und fragte, ob er noch etwas zu Trinken bekäme. „Scotch“, entgegnete er, ohne sie auch nur anzusehen. Diese Schlampen interessierten ihn nicht. Für ihn gab es nur ein lohnendes Ziel seiner Blicke, einen einzigen Grund, in diesem heruntergekommenen Schuppen zu sitzen.

Leila. Er wusste nicht einmal, ob das wirklich ihr Name war, doch seit er sie das erste Mal gesehen hatte, war er fasziniert von ihr. Er hatte sie an einem regnerischen Nachmittag beim Einkaufen gesehen, wie sie in der Damenabteilung Oberteile sichtete, während sie mit der anderen Hand einen vollgepackten Kinderwagen schaukelte, in dem ein kleines Mädchen friedlich schlief.

Sie hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen. Und so verfolgte er sie, bis zu ihrer Wohnung in Downtown. Dort hatte er gewartet, bis ein Teenagermädchen geklingelt hatte, wohl eine Babysitterin. Ein paar Minuten später war sie aus der Tür getreten, bekleidet mit Stiefeln und einem mittellangen Mantel, aber auffällig geschminkt. Sie hatte sich ein Taxi genommen und nach einer Viertelstunde war sie am alten Hafen ausgestiegen, hatte vor dem Nebeneingang des „Red Foxx“ noch eine Zigarette geraucht und war dann im Inneren verschwunden.

In diesem Moment war er sehr hin- und hergerissen gewesen. Sollte er hier warten? Sollte er sie weiterverfolgen? Oder sollte er den Laden betreten? Das wäre fürs Erste mit Sicherheit die einfachste Möglichkeit, sie aus der Nähe zu betrachten. Ja, so würde er es machen.

Dieser Zeitpunkt lag jetzt beinahe ein halbes Jahr zurück. Ein halbes Jahr, in dem er zum Stammkunden des „Red Foxx“ geworden war, zig tausende für Drinks und Tänze ausgegeben hatte und abertausende von Fotos von ihr gemacht hatte. Bis heute hatte er sie nicht angesprochen, aber er war nach wie vor fasziniert von ihr, ja, beinahe besessen.

Auch heute arbeitete sie. Er hatte sich, wie immer, den Platz links mittig von der Bühne genommen, seine Zigaretten auf den Tisch gelegt und etwas zu trinken bestellt und bei den Tänzen der anderen Mädchen höflich geklatscht. Doch seine Scheine, die bekam nur Leila von ihm zugesteckt. Weil ihm das jedes Mal ein kokettes Zwinkern einbrachte, das ihn innerlich vor Erregung erschauern ließ. Sie war sein.

Heute tanzte sie wirklich gut. Sie trug eine venezianische Karnevalsmaske, dazu Federbüsche an den Handgelenken, einen schwarzen Spitzen-BH, der die Brustwarzen hervorstechen ließ und einen passenden schwarzen String, sowie hohe, schwarze Stiefel. Das war mit eines seiner Lieblingskostüme an ihr.

Nach etwa zehn Minuten war ihre Show wieder vorbei und sie wurde von einer anderen, dunkelhäutigen Schönheit abgelöst. Die interessierte ihn aber nicht, ganz und gar nicht.

Heute wollte er endlich seinen Mut zusammenraufen und sie ansprechen. Er wusste von seinen Beobachtungen, dass sie nach ihren Auftritten immer hinten, am Nebeneingang eine Zigarette rauchte. Also ließ er einen großen Geldschein auf dem Tisch liegen, nahm seine Zigaretten auf und ging hinaus. Der Türsteher nickte ihm im Vorbeigehen zu, man kannte sich.

Draußen regnete es. Er schlug den Mantel hoch und ging entschlossenen Schrittes um die Ecke, vorbei an Müllcontainern und einem Luftabzugschacht. Dort stand sie, an der alten Türe, deren blaue Farbe schon lange verwittert war, schaute in die Nacht und zog an ihrer Zigarette. Er ging zügig auf sie zu, übersah eine Pfütze und trat mit einem Platschen hinein. Aufgeschreckt schaute Leila sich um, erkannte ihn dann aber und beruhigte sich sichtlich.

„Na, Süßer, kannst meinen nächsten Tanz wohl kaum abwarten? Ich muss dich aber enttäuschen, ich gebe weder Autogramme noch mache ich Privatauftritte.“ „Hast Du mal Feuer?“, antwortete er, unschlüssig, was er jetzt tun sollte. „Klar, doch.“, sagte sie und hielt ihm ihres hin, obwohl er natürlich ein eigenes besaß.

„Danke“, murmelte er, während er abermals ihr Gesicht betrachtete. Selbst unter der Schminke sah man die tiefen Augenringe. Aus der Nähe besehen war sie gar nicht so hübsch, wie er immer dachte. Er fing sich:“Ähm, sag mal, hast Du Lust, mal was trinken zu gehen?“, stotterte er.

„Süßer, hast du eben nicht zugehört? Ich geb keine Privatstunden. Außerdem habe ich ne Tochter! Du musst schon zahlen, wenn du mich tanzen sehen willst.“, ereiferte sie sich plötzlich.

Jetzt wurde er wütend. Sie gehörte doch ihm! All die Monate hatte er sie beobachtet, hatte sie beschützt und sogar ihren Ex verprügelt, als der des nachts bei ihr Sturm geklingelt hatte. „Tanz für mich!“, brüllte er sie an. „Nur für mich! Nur noch für mich, du Hure!“, er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Ey, du Arschloch, wie bist du denn..“, konnte sie noch sagen, doch da hatte er ihr schon die Zigarette aus der Hand geschlagen, ihr einen wuchtigen Hieb versetzt und mit beiden Händen ihren Hals umgriffen. „Du verdammtes Miststück! Du gehörst mir!“, brüllte er, während sie langsam rot anlief und laut wimmerte.

Er drückte immer fester zu in seinem Zorn und irgendwann, da rührte sie sich nicht mehr und er erwachte erschrocken wie aus einem bösen Traum. Was war passiert? War er das gewesen?
Panik ergriff ihn. Er sah sich um, doch die verregnete Straße war leer. Hastig machte er sich noch eine Zigarette an, blickte auf ihr Gesicht, das in Panik verzogen war.

Als er fertig geraucht hatte, stand sein Entschluss fest. Er hob ihren Körper auf und trug sie schwerfällig zum Ufer des nahen Piers. Dort drückte er ihr einen Kuss auf die Wange und ließ dann die Leiche langsam ins Wasser gleiten. Mit einem Platschen war sie verschwunden. Das letzte, was er sah, war ihr Gesicht, das unterging.

Er war traurig. All die Mühen der letzten Wochen, umsonst. Ganz wie bei Monika, Lisa und Michelle.

Mit einem leisen Schluchzer dachte er daran, dass sie nie wieder für ihn tanzen würde.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an und ging.

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