Der Wein

„Hat es geschmeckt?“, fragte sie, während sie nervös ein Glas Wein in der Hand drehte. „Ja, sehr lecker, vielen Dank nochmal für die Einladung.“ , antwortete er etwas beschämt. Ihm war speiübel. Schweiß trat auf seine Stirn. Muscheln waren eben einfach  nicht seins. Überhaupt alles, was im Meer so vor sich hin schwamm, sprang, waberte oder krabbelte. Aber er konnte schlecht beim ersten Date schon mit der unverblümten Wahrheit herausrücken.

„Gerne doch, den Koch freut es immer, wenn es dem Gast schmeckt. Und warte erst noch auf den Nachtisch!“ , bemerkte sie kokett, mit einem anzüglichen Lächeln im Gesicht. Er hingegen musste beim Stichwort „Nachtisch“ zunächst an Tiramisu, dann an einen Kamillentee und schließlich einen großen Kotzeimer als Alternativen denken. „Noch Wein?“, fragte sie, in der Hoffnung, die Stimmung noch etwas anheizen zu können. „Gern!“. Er hatte aufgegeben. Vielleicht würde mehr Alkohol ja die Übelkeit abwürgen. In einem Zug war das Glas dann auch geleert.

Die Stimmung wurde jedoch nicht ausgelassener, im Gegenteil. Während er krampfhaft versuchte, nicht den Tisch zu verunstalten, war sie sich selbst der beste Gastgeber und leerte die Flasche immer mehr. Sie drehte  dabei weiterhin verträumt das Glas in der Hand und war wie gebannt von diesem gut aussehenden Mittvierziger, den sie unverhofft in der Buchhandlung ansprechen konnte. Sie hatte einfach mutig gefragt, ob er nicht Lust hätte, den nächsten Tag abends mit ihr zu essen. Während er also noch leicht perplex den soeben angelesenen Thriller ins Regal zurückgestellt hatte, steckte sie ihm schon ihre Telefonnummer zu und war adrett mit der Hüfte wackelnd zur Kasse geschwebt.

Angerufen hatte er trotzdem. Jetzt jedoch erwies er sich als durchweg langweiliger Gesprächspartner und wurde bloß durch den steigenden Alkoholpegel interessanter. Er besaß sogar die Unverschämtheit, beinahe die ganze Zeit lieber schweigend aus dem Fenster zu starren, als sich mit ihr zu unterhalten. Dabei hatte sie sich extra aufgedonnert bis an die Grenze zur Nuttenhaftigkeit, Spitzenunterwäsche inklusive. Sie wollte ihn. Körperlich, weniger intelektuell. Daher das Konzept mit dem Wein als Stimmungsmacher.

Bei ihm hingegen war das Konzept noch nicht angekommen. Immerhin, der Magen schien sich etwas beruhigt zu haben, was aber auch alles Positive war, was dem vielen Wein abzugewinnen war. Denn dafür war er jetzt schon ziemlich benebelt. „Was ist denn jetzt mit dem Nachtisch?“, durchbrach sie das Schweigen lüstern lächelnd, während sie aufstand und um den Tisch herum schlich, statt des Glases jetzt die Flasche in der Hand. Er rückte etwas mit dem Stuhl ab und stammelte ein „Na, ja…“ vor sich hin, aber da war sie auch schon über ihm und begann, seinen Kopf zu umfassen und ihm wilde Küsse auf die Lippen zu drücken. Sie ließ ihn gar nicht erst weiter zu Wort kommen, unterbrach sich nur, um weiter große Schlucke aus der Flasche zu nehmen, die er anschließend per Zungenkusstransport zu trinken bekam.

Ihm wurde wieder übel. Dieses Mal nicht wegen der Muscheln.

„Komm mit!“, raunte sie ihm schließlich ins Ohr und ehe er sich versehen konnte, hatte sie ihn in ihr Schlafzimmer entführt und nestelte wild an seinem Gürtel rum. „Was soll denn das werden?“, wollte er entrüstet fragen, aber durch den Wein lallte er mehr, als sich zu entrüsten. Sie antwortete mit einem böse gelächelten „Pssst!“ und kniete nieder. Etwas warmes, feuchtes schloss sich um sein Gemächt.

Urplötzlich war die Wirkung des Weins verflogen. Dafür kam die Wirkung der Muscheln mit aller Macht zurück und ehe er sich versehen oder eine Warnung aussprechen konnte, erkämpften Muscheln und Wein sich den Weg zurück ans doch sehr diffus ausfallende Licht und er übergab sich laut würgend nach vorne unten. Während sie noch laut aufschrie und begann, wild mit den Armen zu fuchteln, hatte er schon den Gürtel zugemacht, war in den Flur gestürmt um seine Jacke zu greifen und sprengte fluchtartig aus ihrer Wohnung.

„Eigentlich ein netter Abend.“ , dachte er so bei sich.

 

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