Feuer

Im Hintergrund prasselte das kleine Kaminfeuer munter vor sich in und gab dann und wann ein Knacken von sich. Er saß, tief über ein Blatt Papier gebeut, an seinem alten Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Er dachte nach, über so vieles und doch gleichzeitig über gar nichts. Leere bestimmte ihn. Zu seiner Rechten lag fein säuberlich sortiert weiteres Papier, ein Umschlag, sowie eine sehr alt wirkende Adlerfeder, mit der er nur zu besonderen Anlässen zu schreiben pflegte, was eine gewisse Übung vorraussetzte. Das war eben etwas anderes als in die Tasten eines Laptops zu hauen.

Zu seiner Linken stand ein Glas und eine halb volle Flasche besten Scotchs. Vor dem großen Fenster am Kopfende des Schreibtischs verhingen dunkle Wolken den Abendhimmel und Regen prasselte unaufhörlich gegen die Fensterscheibe, ganz wie Musik, die die Stimmung untermalte.

Er genehmigte sich noch einen Schluck Scotch, nahm bedächtig die Feder zur Hand und setzte zum Schreiben an. Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke und er fragte sich selbst, wie er seinen Text beginnen sollte. Er kam zu dem Entschluss, einfach von vorne zu beginnen und chronologisch zu erzählen, um letztendlich eine Art Argumentation in seine Geschichte einzubauen, die sein Verhalten vielleicht erklären würde können. Ganz sicher war er sich da aber auch nicht.

Er setzte abermals die Feder an und, von einem leisen Kratzen begleitet, flossen die ersten Worte auf das Papier. Das Feuer knackte, wohl ein feuchter Holzscheit. Ein Blitz zuckte über den stürmischen Himmel draußen und erleuchtete kurz den Raum tageshell. Er befand, dass die eine Kerze auf dem Tisch nicht mehr ausreichte und entzündete zwei weitere. Dann setzte er erneut die Feder auf und erzählte weiter. Weiter von den Dingen, die ihn all die Jahre umgetrieben hatten und von denen er sich nie ganz lösen konnte. Von den Gefühlen, die er durchlebt und letztendlich aufgegeben hatte, weil es ihm sinnlos erschienen war, überhaupt noch zu fühlen. Wie er zum Schluss hin ganz aufgegeben und sich der inneren Leere völlig ergeben hatte. Wie der Alkohol auch das letzte bisschen Menschsein in ihm betäubt hatte und er all die Nächte schlaflos zugebracht hatte. Seine Erinnerungen an sie waren das Schmerzlichste von allem, dass er niederzuschreiben gedachte. Schmerzhaft wurde ihm bewusst, wie sehr das alles mit der Zeit verblasst war. Einzelne Tränen rannen ihm die Wangen runter und tropften leise auf das Blatt, wo sie die eben geschriebenen Worte verschwimmen ließen. Und so weinte er. Und so schrieb er. Schließlich nahm er sich ein weiteres Blatt und dann noch eins. Als er bei der Darlegung seiner Gründe angelangt war, bohrte sich ein Gefühl des Selbsthasses stechend in seine Seele und sein Magen verkrampfte. Er genehmigte sich noch mehr von dem Scotch. Jetzt konnte er richtig spüren, wie sein Gewissen brannte. Dennoch, er schreib weiter, bis zu dem Punkt, an der er die letzten Worte wählen musste, den Abschied, der ihm all die Jahre so schwer gefallen war. Er verzichtete darauf, das übliche, mitleidhaschende „Es tut mir leid.“ einzubauen, dafür war er dann doch zu stolz. Mit wenigen letzten Tropfen setzte er sein Kürzel unter den Brief. Noch einmal lesen musste er ihn nicht, er wusste Wort für Wort, was jetzt darin stand. Was es hoffentlich bei jenen, die den Brief lesen würden, auslösen würde. Er faltete die Papiere zusammen, steckte sie sorgfältig in den Umschlag und nahm etwas rotes Kerzenwachs, um ihn zu versiegeln. Dann drückte er den schweren Ring seines Großvaters an seinem rechten Mittelfinger in das flüssige Wachs. Zufrieden lehnte er sich zurück, goß den letzten Scotch ins Glas und trank es in einem Zug leer.

Schließlich rückte er den Stuhl ab, warf einen letzten Blick in den Sturm vor dem Fenster und nahm das Jagdmesser, das er zu Beginn ebenfalls bereitgelegt hatte zur Hand. Den Brief drapierte er mittig auf dem Schreibtisch. Er wechselte mit ein paar raschen Schritten vom Schreibtischstuhl zu dem alten, abgewetzten Ohrensessel vor dem Kamin. Hier, an seinem Lieblingsplatz in dem alten Haus, würde er es tun. Er ließ sich ein Moment vom Anblick des Kaminfeuers ablenken, beobachtete, wie viel Leben doch in dieser feurigen Vergängnis steckte.

Dann setzte er das Messer auf sein linkes Handgelenk, bereit, feste zuzudrücken. Doch er konnte nicht. Irgendwas hielt ihn davon ab, den letzten Schritt zu gehen. Sein Blick wanderte abermals zum Feuer, wie es tanzte und schrie. Dann blickte er noch einmal wie beiläufig zum Schreibtisch, zunächst zu dem dort liegenden Brief, dann zu einer Visitenkarte seines Therapeuten, die dort auf einer Ecke lag, halb vergraben von Rechnungen.

Gedanken rasten durch seinen Kopf, dann fasste er einen Entschluss. Die Leere fiel ab von ihm und seine Seele füllte sich mit Feuer. Ein Gefühl, dass er lange nicht gekannt hatte. Entschlossen legte er das Messer beiseite, ging zum Schreibtisch zurück und griff nach dem Brief, um ihn sodann in einer einzigen Handbewegung in die Flammen zu schleudern, wo er schließlich schrumpelig und schwarz wurde. Als der Brief verbrannt war, waren auch seine Sorgen verbrannt.

Des Nachts

So schwer, die Stimmung zu fassen,

so leicht, daran zu denken,

so schwer, davon zu lassen,

sich mit irgendwas abzulenken.

 

Dein Gesicht im Dunkel, liegend,

dein Atem leise und klar,

deine Wärme so, anziehend,

dass mir wird ganz sonderbar.

 

Mal heiß, mal kalt, mal warm,

mal innig ineinander verschlungen,

mal spürt man nur einen Arm,

mal ist man gänzlich unbezwungen.

 

Ich bin dein, Du bist mein,

und mir am allerliebsten,

sollte das

für immer sein.

 

Klopf, klopf.

 

Ein Loblied auf…Schokolade.

Du siehst sie. Riechst sie. Willst sie!
Im Supermarkt. In Omas Schublade. Auf dem Schreibtisch.

Du nimmst sie. Probierst sie. Frisst sie!
Im Bett. In der Schule. Im Auto.

Du liebst sie. Hasst sie. Kennst sie.
Heute. Gestern. Morgen.

Warm, kalt. Süß, herzhaft. Hell, dunkel.
Du kannst nicht ohne sie!

Denn wie eine Geliebte macht sie dir ein schlechtes Gewissen, wenn du dich nicht meldest oder wenigstens ab und an mal knabberst. Oder dran schleckst. Oder dran riechst?
Denn sie macht dich faul, dick, traurig und doch so verdammt glücklich.
Denn du willst dich immer gesünder ernähren, bis es dann doch in dir schreit:

„MILKA, LINDT, MERCI, STORCK, AFTER EIGHT, FERRERO!“

Und du doch am Regal hältst.
Weil du Schokolade liebst.
Weil Schokolade dich liebt.

PS: Für alle Zuckerkranken: http://www.lieblingsschokolade.de/

Danke!

Wow!

Gestern erst ist meine neue, zweite Identität (mit gleichem Namen) als Autor bei Facebook gestartet und doch ist sie schon ganz gut eingeschlagen, will ich meinen!
An dieser Stelle jedenfalls schon mal ein dickes DANKE!

Danke an alle Liker, Leser, Follower und Fans seichter Abendliteratur.

Mit diesem großen Motivationsschub soll es denn auch möglichst kreativ weitergehen hier, Zeit ist bekanntlich ein sehr eingrenzender Faktor. Aber man will seine Leser ja nicht enttäuschen.
Vielleicht folgt deshalb auch gleich/heut Abend noch/morgen das nächste Stück zum Lesen für zwischendurch.

Und wer weiß? Vielleicht klingelt auch irgendwann ein Verleger an. In der weiten, weiten Zukunft.

Bis dahin weiterhin viel Spaß beim Schauen,

 

euer M

Der letzte Tanz

Er zog an seiner Zigarette, bis er merkte, dass er langsam am Filter angelangt war, weil die Glut an seinen Fingern brannte. Langsam und genüsslich inhalierte er den Rauch, bis er ihn schließlich langsam durch die Mundwinkel entweichen ließ. Von dem blitzend roten Licht, das von einer an der Decke hängenden Discokugel reflektiert wurde, ließ er sich nicht weiter stören, ebenso wenig von der lauten Musik, die aus alten Boxen in den Ecken dröhnte.

Eine leicht bekleidete Kellnerin wackelte an seinen Tisch und fragte, ob er noch etwas zu Trinken bekäme. „Scotch“, entgegnete er, ohne sie auch nur anzusehen. Diese Schlampen interessierten ihn nicht. Für ihn gab es nur ein lohnendes Ziel seiner Blicke, einen einzigen Grund, in diesem heruntergekommenen Schuppen zu sitzen.

Leila. Er wusste nicht einmal, ob das wirklich ihr Name war, doch seit er sie das erste Mal gesehen hatte, war er fasziniert von ihr. Er hatte sie an einem regnerischen Nachmittag beim Einkaufen gesehen, wie sie in der Damenabteilung Oberteile sichtete, während sie mit der anderen Hand einen vollgepackten Kinderwagen schaukelte, in dem ein kleines Mädchen friedlich schlief.

Sie hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen. Und so verfolgte er sie, bis zu ihrer Wohnung in Downtown. Dort hatte er gewartet, bis ein Teenagermädchen geklingelt hatte, wohl eine Babysitterin. Ein paar Minuten später war sie aus der Tür getreten, bekleidet mit Stiefeln und einem mittellangen Mantel, aber auffällig geschminkt. Sie hatte sich ein Taxi genommen und nach einer Viertelstunde war sie am alten Hafen ausgestiegen, hatte vor dem Nebeneingang des „Red Foxx“ noch eine Zigarette geraucht und war dann im Inneren verschwunden.

In diesem Moment war er sehr hin- und hergerissen gewesen. Sollte er hier warten? Sollte er sie weiterverfolgen? Oder sollte er den Laden betreten? Das wäre fürs Erste mit Sicherheit die einfachste Möglichkeit, sie aus der Nähe zu betrachten. Ja, so würde er es machen.

Dieser Zeitpunkt lag jetzt beinahe ein halbes Jahr zurück. Ein halbes Jahr, in dem er zum Stammkunden des „Red Foxx“ geworden war, zig tausende für Drinks und Tänze ausgegeben hatte und abertausende von Fotos von ihr gemacht hatte. Bis heute hatte er sie nicht angesprochen, aber er war nach wie vor fasziniert von ihr, ja, beinahe besessen.

Auch heute arbeitete sie. Er hatte sich, wie immer, den Platz links mittig von der Bühne genommen, seine Zigaretten auf den Tisch gelegt und etwas zu trinken bestellt und bei den Tänzen der anderen Mädchen höflich geklatscht. Doch seine Scheine, die bekam nur Leila von ihm zugesteckt. Weil ihm das jedes Mal ein kokettes Zwinkern einbrachte, das ihn innerlich vor Erregung erschauern ließ. Sie war sein.

Heute tanzte sie wirklich gut. Sie trug eine venezianische Karnevalsmaske, dazu Federbüsche an den Handgelenken, einen schwarzen Spitzen-BH, der die Brustwarzen hervorstechen ließ und einen passenden schwarzen String, sowie hohe, schwarze Stiefel. Das war mit eines seiner Lieblingskostüme an ihr.

Nach etwa zehn Minuten war ihre Show wieder vorbei und sie wurde von einer anderen, dunkelhäutigen Schönheit abgelöst. Die interessierte ihn aber nicht, ganz und gar nicht.

Heute wollte er endlich seinen Mut zusammenraufen und sie ansprechen. Er wusste von seinen Beobachtungen, dass sie nach ihren Auftritten immer hinten, am Nebeneingang eine Zigarette rauchte. Also ließ er einen großen Geldschein auf dem Tisch liegen, nahm seine Zigaretten auf und ging hinaus. Der Türsteher nickte ihm im Vorbeigehen zu, man kannte sich.

Draußen regnete es. Er schlug den Mantel hoch und ging entschlossenen Schrittes um die Ecke, vorbei an Müllcontainern und einem Luftabzugschacht. Dort stand sie, an der alten Türe, deren blaue Farbe schon lange verwittert war, schaute in die Nacht und zog an ihrer Zigarette. Er ging zügig auf sie zu, übersah eine Pfütze und trat mit einem Platschen hinein. Aufgeschreckt schaute Leila sich um, erkannte ihn dann aber und beruhigte sich sichtlich.

„Na, Süßer, kannst meinen nächsten Tanz wohl kaum abwarten? Ich muss dich aber enttäuschen, ich gebe weder Autogramme noch mache ich Privatauftritte.“ „Hast Du mal Feuer?“, antwortete er, unschlüssig, was er jetzt tun sollte. „Klar, doch.“, sagte sie und hielt ihm ihres hin, obwohl er natürlich ein eigenes besaß.

„Danke“, murmelte er, während er abermals ihr Gesicht betrachtete. Selbst unter der Schminke sah man die tiefen Augenringe. Aus der Nähe besehen war sie gar nicht so hübsch, wie er immer dachte. Er fing sich:“Ähm, sag mal, hast Du Lust, mal was trinken zu gehen?“, stotterte er.

„Süßer, hast du eben nicht zugehört? Ich geb keine Privatstunden. Außerdem habe ich ne Tochter! Du musst schon zahlen, wenn du mich tanzen sehen willst.“, ereiferte sie sich plötzlich.

Jetzt wurde er wütend. Sie gehörte doch ihm! All die Monate hatte er sie beobachtet, hatte sie beschützt und sogar ihren Ex verprügelt, als der des nachts bei ihr Sturm geklingelt hatte. „Tanz für mich!“, brüllte er sie an. „Nur für mich! Nur noch für mich, du Hure!“, er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Ey, du Arschloch, wie bist du denn..“, konnte sie noch sagen, doch da hatte er ihr schon die Zigarette aus der Hand geschlagen, ihr einen wuchtigen Hieb versetzt und mit beiden Händen ihren Hals umgriffen. „Du verdammtes Miststück! Du gehörst mir!“, brüllte er, während sie langsam rot anlief und laut wimmerte.

Er drückte immer fester zu in seinem Zorn und irgendwann, da rührte sie sich nicht mehr und er erwachte erschrocken wie aus einem bösen Traum. Was war passiert? War er das gewesen?
Panik ergriff ihn. Er sah sich um, doch die verregnete Straße war leer. Hastig machte er sich noch eine Zigarette an, blickte auf ihr Gesicht, das in Panik verzogen war.

Als er fertig geraucht hatte, stand sein Entschluss fest. Er hob ihren Körper auf und trug sie schwerfällig zum Ufer des nahen Piers. Dort drückte er ihr einen Kuss auf die Wange und ließ dann die Leiche langsam ins Wasser gleiten. Mit einem Platschen war sie verschwunden. Das letzte, was er sah, war ihr Gesicht, das unterging.

Er war traurig. All die Mühen der letzten Wochen, umsonst. Ganz wie bei Monika, Lisa und Michelle.

Mit einem leisen Schluchzer dachte er daran, dass sie nie wieder für ihn tanzen würde.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an und ging.

Danke

Danke, für das Auf und Ab,

für all die Liebe und den Streit,

danke für dein Lächeln,

für all die Mühen und die Zeit.

 

Danke dafür, dich zu finden,

für das erste Wort, den ersten Kuss,

danke für deine Güte,

für all das Lachen und auch Frust.

 

Danke dafür, mir zu zeigen,

wie wertvoll Liebe ist,

wie wichtig, ein Ziel zu erreichen,

und wie sehr ich dich vermiss.

 

Im Wald

Schritt für Schritt,

einer nach dem andern,

komm mit mir mit,

in Wald und Wiesen wandern.

 

Mit Blatt für Blatt,

und Baum für Baum,

weicht der eigene Frust,

einem farbenfrohen Traum.

 

Strahl um Strahl,

blitzt durch das Dach,

während sanfte Wärme,

die Liebe mir entfacht.

 

 

Ach könnt ich,

ewig unter Schatten wandeln,

in Gedanken an dich,

in der Freiheit des Waldes.

Ein Stuhl

Dieser Stuhl, dieser alte,

mit dem ausgefransten Sitzbelag

und den vielen Kitschen und Kratzern.

 

Dieser Stuhl, er steht bei mir in der Ecke,

am Tisch in der Küche,

hier, wo ich immer auf dich warte.

 

Dieser Stuhl, er ist eigentlich sehr hässlich,

steht schon so lange da,

steht einfach nur rum.

 

Doch dieser Stuhl, auf dem ich immer sitze und warte,

ist alles für mich.

Weil Du alles für mich bist

und ich auf diesem Stuhl auf dich warte.

Der Wein

„Hat es geschmeckt?“, fragte sie, während sie nervös ein Glas Wein in der Hand drehte. „Ja, sehr lecker, vielen Dank nochmal für die Einladung.“ , antwortete er etwas beschämt. Ihm war speiübel. Schweiß trat auf seine Stirn. Muscheln waren eben einfach  nicht seins. Überhaupt alles, was im Meer so vor sich hin schwamm, sprang, waberte oder krabbelte. Aber er konnte schlecht beim ersten Date schon mit der unverblümten Wahrheit herausrücken.

„Gerne doch, den Koch freut es immer, wenn es dem Gast schmeckt. Und warte erst noch auf den Nachtisch!“ , bemerkte sie kokett, mit einem anzüglichen Lächeln im Gesicht. Er hingegen musste beim Stichwort „Nachtisch“ zunächst an Tiramisu, dann an einen Kamillentee und schließlich einen großen Kotzeimer als Alternativen denken. „Noch Wein?“, fragte sie, in der Hoffnung, die Stimmung noch etwas anheizen zu können. „Gern!“. Er hatte aufgegeben. Vielleicht würde mehr Alkohol ja die Übelkeit abwürgen. In einem Zug war das Glas dann auch geleert.

Die Stimmung wurde jedoch nicht ausgelassener, im Gegenteil. Während er krampfhaft versuchte, nicht den Tisch zu verunstalten, war sie sich selbst der beste Gastgeber und leerte die Flasche immer mehr. Sie drehte  dabei weiterhin verträumt das Glas in der Hand und war wie gebannt von diesem gut aussehenden Mittvierziger, den sie unverhofft in der Buchhandlung ansprechen konnte. Sie hatte einfach mutig gefragt, ob er nicht Lust hätte, den nächsten Tag abends mit ihr zu essen. Während er also noch leicht perplex den soeben angelesenen Thriller ins Regal zurückgestellt hatte, steckte sie ihm schon ihre Telefonnummer zu und war adrett mit der Hüfte wackelnd zur Kasse geschwebt.

Angerufen hatte er trotzdem. Jetzt jedoch erwies er sich als durchweg langweiliger Gesprächspartner und wurde bloß durch den steigenden Alkoholpegel interessanter. Er besaß sogar die Unverschämtheit, beinahe die ganze Zeit lieber schweigend aus dem Fenster zu starren, als sich mit ihr zu unterhalten. Dabei hatte sie sich extra aufgedonnert bis an die Grenze zur Nuttenhaftigkeit, Spitzenunterwäsche inklusive. Sie wollte ihn. Körperlich, weniger intelektuell. Daher das Konzept mit dem Wein als Stimmungsmacher.

Bei ihm hingegen war das Konzept noch nicht angekommen. Immerhin, der Magen schien sich etwas beruhigt zu haben, was aber auch alles Positive war, was dem vielen Wein abzugewinnen war. Denn dafür war er jetzt schon ziemlich benebelt. „Was ist denn jetzt mit dem Nachtisch?“, durchbrach sie das Schweigen lüstern lächelnd, während sie aufstand und um den Tisch herum schlich, statt des Glases jetzt die Flasche in der Hand. Er rückte etwas mit dem Stuhl ab und stammelte ein „Na, ja…“ vor sich hin, aber da war sie auch schon über ihm und begann, seinen Kopf zu umfassen und ihm wilde Küsse auf die Lippen zu drücken. Sie ließ ihn gar nicht erst weiter zu Wort kommen, unterbrach sich nur, um weiter große Schlucke aus der Flasche zu nehmen, die er anschließend per Zungenkusstransport zu trinken bekam.

Ihm wurde wieder übel. Dieses Mal nicht wegen der Muscheln.

„Komm mit!“, raunte sie ihm schließlich ins Ohr und ehe er sich versehen konnte, hatte sie ihn in ihr Schlafzimmer entführt und nestelte wild an seinem Gürtel rum. „Was soll denn das werden?“, wollte er entrüstet fragen, aber durch den Wein lallte er mehr, als sich zu entrüsten. Sie antwortete mit einem böse gelächelten „Pssst!“ und kniete nieder. Etwas warmes, feuchtes schloss sich um sein Gemächt.

Urplötzlich war die Wirkung des Weins verflogen. Dafür kam die Wirkung der Muscheln mit aller Macht zurück und ehe er sich versehen oder eine Warnung aussprechen konnte, erkämpften Muscheln und Wein sich den Weg zurück ans doch sehr diffus ausfallende Licht und er übergab sich laut würgend nach vorne unten. Während sie noch laut aufschrie und begann, wild mit den Armen zu fuchteln, hatte er schon den Gürtel zugemacht, war in den Flur gestürmt um seine Jacke zu greifen und sprengte fluchtartig aus ihrer Wohnung.

„Eigentlich ein netter Abend.“ , dachte er so bei sich.

 

Equilibrium live @ Turock Essen

Soo, lange gewartet, die Band mal wieder live sehen zu können.

Und was ist? Ziemlich enttäuschend eigentlich.

 

Anderthalb Stunden Fahrt nach Essen, ein paar Bier und zwei Shirts reicher, gibt man sich zuerst „Trollfest“. Nicht schlecht, aber mit ihrem holländischen Rumppa-Metal nicht ganz so meins.

Die zweite Vorband, „Nothgard“ schon eher, aber die konnten aufgrund von Krankheit in der Band nicht spielen. Spielen Equi eben früher.

Dafür aber nicht eben länger. Musik war geil, Hütte voll (unter anderem mit diesen Klassik-Konzert-Genießer-Typen, die selbst beim geilsten Riff noch seelenruhig an der Theke stehen und einem dafür den Ellenbogen geben, wenn man anfängt zu headbangen).

Und dann spielen Equi gerade mal ne Stunde und zwanzig Minuten!

Bitte?

Die Stimmung kam nicht nicht so richtig auf, man ist nicht mal richtig verschwitzt und dann ist schon alles vorbei. Eine kleine Zugabe, Licht an, Musik aus, Tschüss Leude.

Am Arsch.

Das Turock selbst hat dann den Vogel abgeschossen, indem DIREKT im Anschluss die Halle von Hipstern und der Essener Stadtjugend geentert wurde, weil plötzlich 90er-Jahre Trash-Pop Party angesagt war.

Ökonomisch zu verstehen, stilistisch leider mal so gar nicht.

Immerhin konnte man neue Leute treffen und anschließend noch in der Düsseldorfer Altstadt bis vier Uhr morgens etwas weiter zechen und feiern.

 

Für Equi, die wirklich zu meinen Lieblingsbands zählen, tuts mir echt leid, dass der Abend so scheiße war, aber ich kanns einfach nicht nachvollziehen.

 

Konzertpunkte: 5/10.

 

Gruß Leute,

 

M