V wie Vendetta

 

Ich hetze durch mein Zimmer, jedenfalls so gut, wie ich es gerade kann. Zwischendurch verschwinde ich im Bad um mich doch noch so hübsch wie möglich aufzuschminken. Etwas sinnlos, angesichts der Tatsache, dass ich null Behaarung auf dem Kopf habe. Die Stoppeln habe ich auch noch wegrasiert, jetzt sehe ich aus wie Natalie Portman in „V wie Vendetta“.

Ich hab mich getraut. Ich hab mich endlich durchgerungen und ihm geschrieben. Ich hoffe, dass Lukas mir verzeiht, nachdem er zuletzt gar nichts mehr von sich hat hören lassen. Nachdem Svenja gegangen war, habe ich das Handy einfach gar nicht mehr weggelegt, sondern bloß zwischen den Händen hin- und hergedreht, bis ich meinen ganzen Mut zusammennehmen konnte und ihm geschrieben habe, dass er bitte heute Abend vorbeikommen soll.

Seitdem sind dreizehn Minuten vergangen und ich haste zwischen mich selbst aufräumen und dem Aufräumen meines Zimmers hin und her. Ich habe mich tatsächlich etwas gehen lassen, was aber zum größten Teil der verdammten Chemo geschuldet ist. Jetzt brauche ich immerhin schon nach fünf Minuten leichten Gehens eine Pause, während ich früher locker eine halbe Stunde auf dem Laufband verbracht habe. Okay, auch das ist jetzt irgendwie unfair mir gegenüber.

Ich frage mich derweil, wie lange Lukas wohl brauchen wird. Dass er die Nachricht gelesen hat, weiß ich dank WhatsApp, geantwortet hat er nicht.

Ob er überhaupt kommt? Oder ob er vielleicht schon gar nichts mehr von mir wissen will?

Plötzlich muss ich mich auf die Kante meines Bettes fallen lassen, weil mich wieder dieses „Alles ist Scheiße-Gefühl“ überkommt und ich am liebsten sofort losheulen will. Ich hab alles falsch gemacht.

Ich will mich gerade in meiner Bettdecke vergraben, als ich unsere Türklingel höre. Ich bekomme gerade noch mit, wie meine Mutter etwas stammelt, als Lukas auch schon mit klitschnassen Klamotten in meiner Zimmertüre steht und mich ansieht. Mich einfach nur ansieht. Nicht erschrocken. Nicht angeekelt. Nicht einmal traurig. Mich einfach nur ansieht, mit kleinen Tränen in den Augenwinkeln. Langsam kommt er Schritt für Schritt auf mein Bett zu und setzt sich. Sieht mich wieder an und nimmt mich schließlich einfach in den Arm, immer noch ohne einen Ton gesagt zu haben. Ich kann endgültig nicht mehr und heule mir die Augen an seinem ohnehin schon nassen Hemd aus.

Er fasst sanft mein Kinn und sieht mir in die Augen und auch er heult. Dann gibt er mir einen Kuss und ich schmecke das Salz auf seinen Lippen. Wir lassen uns nach hinten auf die Kissen fallen und verharren im Küssen, bis schließlich alle Tränen getrocknet sind und ich nur noch schniefe, weil mir die Nase läuft. Ich liege immer noch in Lukas Arm und er sieht mich durchdringend an. Man kann ihm ansehen, dass er sich Sorgen gemacht hat, dass er schlecht geschlafen hat und dass er verwirrt ist. Aber immer noch keine Spur von Ekel oder Trauer. Also fasse ich mir ein Herz und fange an. Fange an zu erzählen, was passiert ist, was mit mir los ist und warum ich mich nicht bei ihm gemeldet habe. Warum ich es nicht konnte. Und die ganze Zeit über sieht er mich so an, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen.

Er streicht mir vorsichtig über den kahlen Kopf und endlich, endlich sagt er auch was. Vielmehr fragt er bloß, was er für mich tun kann, außer für mich da zu sein und mich im Arm zu halten.

Kein Vorwurf, keine Nachfrage, keine halbwissenschaftlichen Fragen zu meinem Krankheitsverlauf und meiner Therapie. Gott, ich liebe ihn so in diesem Moment. Ich weiß, dass er zu hundert Prozent für mich da ist, genau wie meine Mutter auch. Aber anders als sie raubt er mir nicht den letzten Nerv dabei. Er weiß einfach, was ich brauche und was nicht und ich bin ihm dankbar dafür.

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