In die Höhle des Löwen

Ich bin klitschnass. Sogar meine Socken sind nass, durch die Chucks hindurch. Es regnet nicht, hier kommt gerade die nächste Sintflut. Vielleicht sollte ich einfach auf Noah 2.0 warten, der mit der Arche angeschippert kommt, um mich vor den Fluten zu retten.

Das wäre einfacher, als alles, was ich jetzt vor mir habe. Ich falte den Regenschirm zusammen und folge meiner Mutter durch die große Drehtür in die Johannes-Klinik. Hier soll ich die Chemotherapie bekommen, bis die Ärzte der Meinung sind, dass ich das auch ambulant machen kann.

Hinter der Drehtüre, die so schwerfällig ist, dass ich mich wundere, dass nicht Generationen schwerfälliger Rentner mit Rollatoren für die Ewigkeit darin gefangen wurden, liegt das große Foyer der Klinik. Es sieht nicht sonderlich nach Krankenhaus aus, aber die Klinik ist ja auch speziell für Krebskranke, die unter Beobachtung Chemo und Bestrahlung bekommen sollen.

Der Boden glänzt vor dunklem, blank poliertem Marmor, während die Wände in schlichtem Weiß gehalten sind, lediglich unterbrochen von feinen, grünen Streifen und ein paar Bildern. Hier und da eine Informationstafel. Rechts und links halten Säulen das Gewicht des Hauses, aber irgendwie auch das der Atmosphäre. Wenn in den Ecken nicht einladende Sofas stehen würden, könnte man meinen, man sei beim besten Bestatter der Stadt gelandet. Nicht, dass ich da hinwollte.

Meine Mutter, die mich begleitet, rauscht zielsicher auf die Empfangstheke zu, hinter der eine leicht verschreckte Mittvierzigerin im Stewardess-Look eine Katastrophe erwartend ein falsches Lächeln aufsetzt. Meine Mama ist aber nicht wirklich sauer, nur ziemlich nervös. Sie will wahrscheinlich, dass von heute auf morgen alles in Ordnung kommt, wobei ihr die arme Frau hinter der Theke und das miese Wetter aber anscheinend im Weg stehen.

Jetzt lässt sie mit der linken Hand meine Reisetasche auf den Marmor klatschen, während sie mit der rechten triumphal einen feuchten Überweisungsschein auf die Theke klatscht. Die Klinikstewardess zuckt einmal kurz zusammen, nimmt dann aber doch ganz freundlich meine Daten auf und checkt meinen Termin. Dann nennt sie uns die Station, die die nächsten Wochen mein Zuhause wird und weist uns noch kurz den Weg zum Aufzug. Während meine Mutter einen Dank durch die Zähne zischt und Richtung Aufzug losprescht, schaue ich kurz entschuldigend drein und haste ihr dann hinterher.

Auf der Station angekommen macht sich Mama gleich auf die Jagd nach allem, was ein weißes Kleidungsstück trägt, bis die Stationsschwester uns breit lächelnd willkommen heißt und uns persönlich mein Zimmer zeigt. Schwester Ingrid ist ihr Name und sie macht einen freundlichen Eindruck, obwohl sie ein wenig aussieht, als ob sie schon in der Wehrmacht Krankenschwester gewesen wäre.

Ich habe bis dahin noch keinen Ton von mir gegeben. Der Nachhall meines einsamen Spaziergangs von gestern erzeugt immer noch eine leicht resignierte Stimmung, sodass jedes noch so freundliche Wort einfach an mir vorüberzieht.

Mein Zimmer jedenfalls sieht ganz nett aus, dafür, dass es ein Krankenzimmer ist. Das Bett ist zwar in den 70ern zuletzt modern gewesen und blaugestreifte Bettwäsche ist ja so was von gruselig, aber an der Wand hängt ein hübsches Bild und die Aussicht wirkt auch ganz in Ordnung. Von hier kann man prima die Straße gegenüber beobachten, der Zeitvertreib ist also gesichert. Neben meinem steht noch ein zweites Bett, das im Moment aber leer ist. Scheint, als wäre ich fürs Erste mit mir alleine.

Schätze, ich habe einfach Angst. Angst vor der Klinik, Angst vor meinem Zimmer, Angst vor Schwester Ingrid, Angst vor den Ärzten und Angst vor der verdammten Chemo. Warum kann das alles nicht schon vorbei sein? Warum muss ich mich damit rumquälen? Und wieso eigentlich ich?

Ich finde mich völlig in Gedanken verloren vor dem Fenster wieder. Schwester Ingrid ist schon wieder verschwunden, wahrscheinlich, um Aufnahmeformulare zu holen oder so was. Mama steht leicht aufgelöst vor dem Zimmerschrank und versucht, nach einer gewissen Ordnung meine Sachen darin unterzubringen. Aber irgendwie gehören dabei Handtücher neuerdings zu Socken und Tops.

Sie ist noch nervöser als vorhin und bringt alles mehr und mehr durcheinander, bis sie schließlich alle Sachen wild zerpflückt und in den Koffer pfeffert, nur um sich dann laut schluchzend auf die Bettkante fallen zu lassen. Es tut mir weh, sie so zu sehen, aber ich fasse mir ein Herz und gehe zu ihr.

Ich lasse mich neben sie fallen und nehme sie in den Arm und beide weinen wir uns die Seele aus dem Leib, bis Mama schließlich ein letztes Mal aufschluchzt und sich wieder meinen Klamotten widmet, während Schwester Ingrid zurückkehrt und anscheinend fest entschlossen ist, meine komplette Lebensgeschichte niederzuschreiben.

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