Das Model

Svenja hat sich mal wieder was Schönes für mich ausgedacht. Sie hat mich zuhause besucht, nachdem die erste Runde Chemotherapie für mich zu Ende gegangen ist. Jetzt steht sie vor mir, mit ihrer Digitalkamera in der Hand, während sie mir tausend unmögliche Positionen vormacht. Sie hat mit einer schwarzen Decke vor meinem Schrank aus meinem Zimmer kurzerhand ein Fotostudio gemacht und ich bin jetzt so etwas wie ein Model für Tumorkranke.

Eigentlich wollte ich weiterhin niemanden sehen und habe meiner Mutter verboten, Besuch für mich ins Haus zu lassen. Ich will einfach nicht, dass mich jemand so sieht. Meine Mutter scheint das wohl nicht ganz mitbekommen zu haben. Meine Haare sind büschelweise ausgefallen, ich bin dünn wie ein Skelett und bleich wie ein Vampir im Winter. Jedes Mal, wenn ich aus der Badewanne steige, liegt am Wannengrund ein großer, matschiger Busch Haare und ich komme mir ein Stück weniger menschlich vor.

Ich sehe in den Spiegel und sehe eine Mischung aus Wachspuppe und Alien. Das bin nicht ich. Nichts ist von mir übrig. Da, wo bisher keine Haare ausgefallen  sind, wachsen Stoppeln. Ich muss sie wieder abrasieren. Meine vormals leicht muskulösen Arme und Beine sind so dünn, dass ich mich frage, ob ich mit Absicht vielleicht sogar die Mahlzeiten ausgekotzt habe, die ich eigentlich drin behalten konnte. Insgesamt habe ich so an die Zwölf Kilo Gewicht verloren, in wenig mehr als sechs Wochen.

Bulimie bei Chemo, das wäre eine echt miese Kombination.

Erst war ich sauer, dass Mama Svenja doch reingelassen hat. Aber als sie dann in mein Zimmer gestürmt ist, mich lauthals Dornröschen genannt hat und weinend umarmt hat, konnte ich nicht anders, als mich zu freuen. Ich bin glücklich, dass sie so zu mir steht. Auch wenn ich ihr den Schock über mein Aussehen ansehen kann. Sie blinzelt leicht verwirrt, das hält aber nur wenige Sekunden an, dann strahlt sie wieder über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Nachdem ich eine halbe Stunde über den neuesten Klatsch informiert worden bin, werde ich vor den Schrank gezerrt, der kurzerhand abgedeckt wird, ein wenig aufgeschminkt und schließlich in den verschiedensten Posen abgelichtet.

In einer Pause, mit einem Becher Tee in der Hand, fragt Svenja mich wie es mir geht. Ich erzähle ihr von der Therapie und den ganzen Nebenwirkungen, wie die Ärzte so sind und wie viele Mützen ich inzwischen bei Amazon gekauft habe. Dann fragt sie mich nach Lukas und mein Herz sackt mir in die Jogginghose.

Lukas. Ich hab seit Wochen nichts von ihm gehört. Ich kann einfach nicht mit ihm reden. Er tut mir so leid und ich liebe ihn ja wirklich. Aber es geht nicht. Seitdem hat er vierhundertsiebenundfünfzig Mal angerufen und mir eintausendzweiunddreißig  Nachrichten geschrieben. Er hat siebzehn Mal vor der Tür gestanden und zwei Mal meine Mutter beim Einkaufen abgefangen.

Bald muss ich es ihm sagen und ich fürchte mich vor dem Moment. Ich rede mir alles von der Seele und fange laut an zu schluchzen. Alles fällt von mir ab, der letzte Rest Stärke ist davon und ich breche in Svenjas Armen zusammen. Sie sagt, dass er sich ziemlich verändert hat. Er war nicht mehr beim Sport, hat sich mit niemandem getroffen und schweigt nur noch, egal wo er ist.

Sie meint, dass er mich wirklich lieben muss, wenn ihm das so weh tut. Er weiß nicht, woran er bei mir ist und trotzdem ist er noch an mir interessiert. Svenja meint, ich muss wirklich mit ihm reden. Und dass sie es tun wird, wenn ich es nicht mache. Ich nicke traurig und verspreche ihr, heute Abend noch mit ihm zu reden.

Das scheint sie zufrieden zu stellen. Ohne weitere Worte umarmt sie mich noch einmal, packt Kamera und Decke zusammen und verspricht, morgen wieder zu kommen. Ich weiß, dass sie mich in Ruhe nachdenken lassen will.

Schniefend bleibe ich sitzend auf meiner Bettdecke zurück. Ich greife nach meinem Handy, auf dem schon zwei neue Nachrichten von Lukas sind. Ich hole tief Luft und überlege, was ich ihm sagen will, während ich ihm schreibe, dass er mich doch bitte besuchen kommen soll.

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