Endlich 18!

Heute ist ein besonderer Tag. Mein Geburtstag! Ich bin ab heute achtzehn und so was von erwachsen! Ich darf in jeden Film, in jede Disco, trinken was ich will und, was am besten ist, endlich alleine Auto fahren. Was bedeutet, dass Mama ihren Mini am Wochenende kaum noch zu Gesicht bekommen wird.

Man kennt das, ich bin ein Mädchen, also gibt’s so einen richtigen Prinzessinentag.

Mama hat mich früh geweckt, um mich mit einer Riesentorte in Ladypink zu überraschen, ich hab achtzehn Kerzen ausgepustet und dann gabs erst einmal ein ausgiebiges Frühstück. Geschenke gibt’s später, sagt Mama, was auch immer sie damit meint. Die Verwandtschaft trudelt doch erst morgen ein. Leider ist die Zeit zu knapp und ich muss mitten im Croissant abbrechen.

Schule ist angesagt. Aber das ist gar nicht schlimm, heute ist Freitag und ich habe eh nur fünf Stunden. Und ab nachmittags wollte mich Lukas irgendwohin entführen, um mit mir zu feiern. Essen gehen oder so was, schätze ich. Also ein echt perfekter Geburtstag!

Die Schule (hallo, Mathe!) will dafür heute irgendwie gar nicht rumgehen. Nur fünf Stunden können echt eine Ewigkeit sein, vor allem, wenn man sich den ganzen Tag auf etwas freut.

Immerhin überrascht mich Svenja mit einem wunderhübschen kleinen, selbstgemachten Medallion an einer Silberkette, die ich auch sofort umlege. Zum Dank fall ich ihr kreischend um den Hals. Ich bin eben ein Mädchen.

Irgendwann ist die Schule endlich vorbei und ich kann nach Hause flitzen. Natürlich im Mini. 😀

Nach zwei Schinkensandwiches als Ersatz fürs Mittagessen, stehe ich ratlos vor meinem Kleiderschrank und suche aus geschätzten 2,7 Millionen möglichen Outfitkombinationen die optimale für den heutigen Anlass heraus. Anderthalb Stunden Suche später liegt ein rotes Sommerkleid neben gepunkteten Ballerinas und bordeauxfarbener Unterwäsche von Hunkemöller.

Das klingt ein wenig verrucht, aber weil ich heute achtzehn werde und Lukas und ich seit knapp vier Monaten zusammen sind, darf er endlich bei mir übernachten. Und da will ich ihn natürlich, sagen wir, überraschen…

Mit einem entsetzten Blick auf die Uhr haste ich noch eben unter die Dusche, mische mir Schampoo in die Haare und unterziehe meine Beine noch einer letzten, gründlichen Rasur. Leider nicht ohne irgendeinem Gott ein Blutopfer darzubringen. Nach dem Antrocknen springe ich in der heißen, bordeauxfarbenen Unterwäsche vor meinem Spiegel auf und ab, singe lautkreischend „Rockstar“ von Nickelback mit und wechsle von leichtem Aufräumen zu kompliziertem Schminken. Nur um anschließend wieder erschrocken auf die Uhr zu schauen und nach unten zu hasten.

Und im Flur steht er, der Mann meiner Träume. Lukas sieht toll aus in seinem leichten Sakko, das er mal ganz lässig mit Jeans und Chucks kombiniert hat. Er sieht ein bisschen aus, als ob er eigentlich etwas hatte sagen wollen, aber der Röte seines Gesichts nach zu schließen, bleibt ihm wohl bei meinem Anblick gerade etwas die Spucke weg. Komisch, ich hatte mich bei all der Eile für gar nicht so top gestylt gehalten. Na ja, umso besser für später.

Mama steht in der Türe und lächelt selig. Immer wenn sie Lukas sieht, meint sie sofort, er ist der perfekte Schwiegersohn, was er ja auch irgendwie ist. Nach einem kurzen Plausch springe ich in die Schuhe und mit einem letzten Lächeln von Mama sind wir schon durch die Tür und sitzen im schwarzen BMW Cabrio von Lukas Vater. Echt nett von ihm, dass er uns das leiht.

Und während mir nun der Fahrtwind durch die sorgsam gemachten Haare furcht, drückt Lukas aufs Gas und wir fliegen nur so über die Straßen. Er hat immer noch nicht gesagt, wo er eigentlich mit mir hinwill, bis er irgendwann auf einem kiesgedeckten Parkplatz mitten im Nirgendwo hält. Die Sonne steht am Himmel, es lässt sich keine Wolke blicken und die Vögelchen zwitschern sich die Seele aus dem Leib. Das ist so unheimlich kitschig passend, dass es einfach nur wunderschön ist. Galant hält Lukas mir die Wagentür auf und nimmt meine leicht feuchte Hand in seine. Er führt mich einen leicht holperigen Weg entlang zu einer Wiese voller Blumen, die an einem Hang liegt. Ich meine mich schwach an diese Ecke im Umland unserer Stadt erinnern zu können. Ich glaube, hier war ich öfter mal mit Oma spazieren oder so. Im nächsten Moment sind diese Gedanken aber auch schon wie weggefegt, als Lukas mir das Ziel unserer Fahrt zeigt. Inmitten der Blumen auf der Wiese liegt eine rotweiß karierte Decke mit Kissen, zwei Tellern, einem Korb und einer kleinen Kühltruhe. Wir ziehen die Schuhe aus und setzen uns. Lukas greift in die Truhe und den Korb und holt zwei Gläser raus, die er mit echtem, eisgekühltem Champagner füllt. Wir stoßen auf mich an genießen den prickelnden Sekt, die Umgebung und das tolle Wetter und, was am besten ist, unsere Gesellschaft. Man hat von hier einen tollen Blick auf ein kleines Tal mit einem Wäldchen, hinter dem schon die Sonne steht, auf der einen Seite und einem strahlend gelben Sonnenblumenfeld auf der anderen Seite. Lukas fragt, ob ich hungrig bin und tatsächlich, die Schinkensandwiches scheinen den Magen schon vor einer Ewigkeit passiert zu haben. Er greift abermals in den Korb und holt einen Teller mit Häppchen raus. Es gibt Cracker, Kuchen, Tomaten, Käse und Erdbeeren und noch vieles mehr.

Ich bin so unheimlich glücklich in diesem Moment, an diesem Ort, mit diesem Jungen. Ich könnte den Rest meines Lebens hier liegen. Mit Lukas, Champagner und Erdbeeren. Der Schulstress, die merkwürdigen Kopfschmerzen und die Übelkeit, alles ist für den Moment wie weggeblasen.

Plötzlich greift Lukas nochmal in den Korb und holt, verborgen unter einer Serviette, ein kleines Kästchen und ein viereckiges Päckchen hervor. Zuerst gibt er mir das Päckchen in die Hand. Gerührt reiße ich das Papier runter und zum Vorschein kommt ein Schwarzweißabzug von einem Foto, das Svenja vor ein paar Wochen von uns gemacht hat. Lukas sagt, ich soll den Rahmen umdrehen. Auf der Rückseite steht ein kleines Gedicht, dass er geschrieben hat. Mit jedem Wort, das ich davon lese, fühle ich, wie das Wasser Richtung Tränensäcke vorrückt. Als Lukas dann auch noch das kleine Kästchen öffnet und einen silbernen, besetzten Ring hervorholt, kann ich nicht mehr und fange an zu heulen. Ich falle Lukas um den Hals, wir fallen wild knutschend auf die Decke und hören für die nächsten sieben Minuten auch nicht auf damit. Als wir schließlich mal Luft holen müssen, erklärt Lukas noch lachend, dass ich den Ring bitte nicht falsch verstehen soll und wir mit dem Heiraten wohl leider noch warten müssten, woraufhin ich ihm einen Klaps verpasse. Trotzdem bin ich mehr als überglücklich.

Mittlerweile sinkt die Sonne schon Richtung Boden und Lukas packt die Picknicksachen zusammen. Ich nehme an, wir würden zurück zum Auto gehen und schlüpfe in die Schuhe, doch Lukas gibt mir mit dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln zu verstehen, ich solle hier kurz auf ihn warten.

Er bringt alles zum Auto, kommt wieder und hat einen Seidenschal in der Hand. Bevor ich fragen kann, was das jetzt wird, verschwindet mein Augenlicht auch schon hinter chinesischer Billigseide.

Ich setze zu einem wilden Protest an, doch dann drückt mir Lukas einen Finger auf die Lippen und nimmt meine Hand. Stolpernd trotte ich neben ihm her, tausend Fragen im Kopf und Schweiß auf der Stirn. Ich merke, dass unser Weg leicht schräg ansteigt, was es nicht gerade leichter macht, Lukas zu folgen. Irgendwann jedoch, nach gefühlten 1387 Mal stolpern und Beinahe-Fallen, erreichen wir wohl so etwas wie eine Kuppe. Ich merke, dass wir einen Moment über ebenen Asphalt oder so was gehen, dann höre ich plötzlich leise Musik. Ich setze abermals dazu an, zu fragen, was hier eigentlich vorgeht, doch Lukas quittiert auch das nur mit einem Lachen und reißt mir die Augenbinde aus Fernost weg. Blinzelnd versuche ich im hellen Licht was zu erkennen, woraufhin die Umrisse vieler strahlender Menschen erscheinen, die sich im Hofe eines wunderschönen, kleinen, weiß gestrichenen Landguts versammelt haben.

In der Mitte steht bis über beide Ohren strahlend Mama und schreit laut Überraschung in ein Mikro, woraufhin alle anderen Anwesenden das gleiche lautstark wiederholen.

Und ich muss wieder heulen. Statt wie gedacht den Abend ruhig mit Lukas zu verbringen, gibt es hier noch eine dicke, fette, bunte, strahlende Überraschungsparty mit allen meinen Lieben!

Da sind meine Eltern, meine Tante, meine Cousine Valerie und natürlich auch Svenja und Leute aus meiner Klasse. Tom, Patrick, Hendrik, die Zwillinge, Lilu, Andi, Dunja, Zocki und all die anderen. Locker fünfzig Leute stehen hier mit Sekt- und Biergläsern bewaffnet und in Sommerdress gekleidet in diesem schnuckligen Hof unter den Ästen eines riesigen, bunt beleuchteten Baumes. In der einen Ecke steht ein DJ mit Mischpult und Anlage, in der anderen Ecke ein Buffet und ein Typ mit Kochmütze, der eisern einen Grill zu bewachen scheint. Mit klitschnassen Augen drehe ich mich zu Lukas um, gebe ihm einen dicken Schmatzer und renne dann zu meinen Eltern und all den anderen, um sie zu begrüßen und tausend Mal Danke vor mich hin zu stammeln.

Später am Abend, nachdem ich allen mehrmals die Hand geschüttelt habe, oder umarmt worden bin, drehen Lukas und ich uns eng umschlungen im Kreis, ganz im Takt der Musik. Als ich nach oben durch die Wipfel des großen Baumes schaue, sehe ich die Sterne den nachtschwarzen Himmel beleuchten. Keine Wolke lässt sich blicken. Viele sind schon gegangen, da es mittlerweile wirklich spät geworden ist, aber der harte Kern ist noch geblieben und tanzt oder unterhält sich leise bei einem letzten Drink.

Ich sehe meine Eltern, die die gleiche Formation eingenommen haben, wie Lukas und ich und bin einfach nur glücklich. Das hier ist so was von der perfekte achtzehnte Geburtstag, dass ich es gar nicht weiter beschreiben kann. Ich liebe diesen Moment, ich liebe meine Eltern für diese wunderbare Party und ich liebe Lukas. Endlich 18!

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