Blätterrascheln

Feuchtkühle Luft verwandelt meine Nase in einen Eisbrocken, ich muss ständig schniefen und mein halbes Gesicht ist trotz Schal und Mütze völlig erfroren. Ich stolpere so durch das Land, vorbei an abgemähten Feldern und Wiesen voller Kühe, die das letzte Gras abknabbern, das der Boden hergibt.

Ich komme vorbei an einsamen Alleen, an denen halb kahle Buchen still den rissigen Asphalt bewachen. Nicht, dass außer mir besonders häufig jemand hier entlangkäme. Es ist erst später Oktober, also eigentlich noch Herbst, aber irgendwie scheint das Wetter dieses Jahr lieber schon Richtung Winter vorspulen zu wollen, so kalt wie es schon ist.

Einzig die untergehende Sonne schafft es vereinzelt, dem scharfen Wind zum Trotz ein wenig Wärme auf der Haut vorzuspielen. Überall liegt Laub, in tausend leuchtenden Farben fliegen Blätter umher und führen den Tanz des Niedergangs auf. Ich mag den Herbst. Mochte ich schon immer. Die Jahreszeit, die uns daran erinnert, dass auf Licht irgendwie doch immer die Dunkelheit folgt, bis auch diese irgendwann wieder verdrängt wird.

Ich bin wirklich philosophisch gestimmt heute. Nicht bloß, weil ich einfach gerne spazieren gehe und Blättern beim Fallen zusehe. Ich muss einfach ein bisschen allein sein.

Nach meinem Zusammenbruch und all den ständigen Kopfschmerzen musste ich noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Die Ärzte sagen ich habe Krebs.

Krebs. Immer noch ein merkwürdiges Wort für diese Krankheit.

Sie sagen, in meinem Kopf wächst ein Geschwür, das bereits so groß ist, dass sie es nicht ohne ernste Folgen entfernen können. Dass sie daher lieber Chemo und Bestrahlung und was weiß ich ausprobieren wollen. Ausprobieren. Klingt ja schon jetzt nach einer Erfolgsgeschichte.

Ich habe nichts gesagt. Ich habe keine Fragen gestellt. Ich bin einfach gefallen, mitten im Krankenzimmer, obwohl ich fest verankert auf meinem Bett saß. So tief gefallen, dass ich den Weg vom Mars zur Erde kennen muss, inklusive eines Tankstops an der Sonnenrückseite.

Mama hat einen Kreischanfall bekommen und laut geschluchzt, Papa hat es ähnlich aufgenommen wie ich. Bloß, dass auch ihm Tränen die Wange runtergelaufen sind.

Am nächsten Tag wurde ich entlassen, mit einem Termin für die erste Behandlung in der Hand und tausend wirren Gefühlen im Kopf. Mama, Papa, Lukas. Scheiße.

Das ist jetzt eine Woche her, die Behandlung soll morgen beginnen. Mama will mich am liebsten 24 Stunden am Tag anstarren und überwachen. Vielleicht denkt sie, dass man den Tumor mit genug bösen Blicken und einer entsprechenden Anzahl an Sorgenfalten und Augenringen zu Tode erschrecken kann. Zu Tode, haha.

Ich bin ausgerissen. Ich kann ihr Gesicht nicht mehr ertragen, auch wenn sie die ganze Sache nur auf ihre Weise begreifen will, glaube ich. Ich musste raus aus meinem Leben und bin dafür in meine braunen Lederstiefel gesprungen.

Direkt hinter unserem Haus liegt eine große Weide, wo meine Tante gerne mit ihrem Hund spazieren geht. An der Weide vorbei führt ein Weg durch Wäldchen, an Wiesen vorbei und über Stock und Stein sozusagen. Ich kann gar nicht sagen, warum es mich dorthin getragen hat, doch jetzt bin ich froh hier zu sein. Diese farbenfrohe Vergänglichkeit hier überall passt so tragisch hervorragend zu meinem Leben und meiner Situation, doch die Stille, die trotz Wind herrscht, hilft, den Kopf freizubekommen. Wer weiß, frische Luft heilt ja bekanntlich alles. Vielleicht habe ich ja Glück und mein Kopfbewohner ist anaerob aufgewachsen.

Mein Handy klingelt. Ist echt eine schlechte Angewohnheit, es immer dabeizuhaben. Ich sehe aufs Display und sehe dort Lukas´ Namen leuchten. Lukas.

Er weiß nichts. Hat keine Ahnung, wie es mir geht und wo ich stecke. Ich war weder in der Schule, noch beim Sport. Und bei ihm habe ich mich auch nicht gemeldet. Ich konnte nicht. Ich liebe ihn, da bin ich mir ganz sicher. Doch trotzdem kann ich es ihm nicht sagen. Ich habe Angst davor, Angst vor seiner Reaktion, egal, wie die auch ausfallen wird. Ich schütze ihn vor meiner Diagnose und mich vor seiner Reaktion. Ich drücke ihn weg. Wie die letzten 67 Mal auch.

Ein Blatt rauscht an meiner Nase vorbei zum Boden. Ein leuchtend rotes Eichenblatt. Einem Impuls folgend, greife ich vor dem Wind danach und stecke es ein.

Das Blatt sieht aus wie ein Herz, wie Leben. Wie Gefühl und tausend Explosionen. Obwohl es eigentlich schon tot ist.

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