Bienen zählen

Ein Drache. Ein Boot. Eine Hand. Eine Riesenwelle.

Svenja und ich liegen auf einer kleinen Decke im klinikeigenen Park und suchen Wolkenbilder. Heute ist wirklich sehr schönes Wetter, der Frühling kommt so richtig raus. Svenja wollte keine Widerworte hören, meine Müdigkeit zählt heute nicht, sagt sie. Ohne meine Erwiderung zu hören, war sie auf den Flur gehuscht und hatte einen Rollstuhl entwendet. Mit dem hatte sie mich dann bis in diese hinterste Ecke des Krankenhausgeländes geschoben und kurzerhand die Decke und etwas zu trinken aus ihrem Rucksack geholt. So liegen wir nun hier und verbringen die Zeit mit nichts tun.

Und ich kann endlich mal wieder abschalten. Vom Geruch des Desinfektionsmittels, vom allzu frühen Geweckt-Werden und von den nächtlichen Geräuschen meiner Mitpatienten. Gestern hat einer von ihnen so laut gestöhnt und um Hilfe gerufen, dass ich nicht mehr einschlafen konnte und sinnlos in meinem Buch herumgeblättert habe. Darum bin ich jetzt auch so müde. Ich hätte diesen tollen Tag wahrscheinlich einfach verschlafen, wenn Svenja nicht nach der Schule hergekommen wäre.

Heute zählen wir nämlich Bienen. Nachdem ich sie dafür erst einmal für verrückt erklärt habe und ihr genauestens erklärt habe, wo sie sich für die Station für Psychisch Kranke melden muss, erklärt sie mir jetzt, Bienen Zählen sei ein Spiel, das sie von ihrer Oma gelernt habe.

Die hatte einen großen Garten, mit Apfelbäumen und einem Kräuterbeet, ein paar alten Tannen und einem Gartenhäuschen. Dort hat sie Svenja dieses Spiel beigebracht. Man muss gut aufpassen und jede Biene zählen, die vorbeifliegt. Lässt sie sich auf einer Blume nieder, zählt sie doppelt. Wer am Ende mehr gezählt hat, gewinnt ein Stück Bienenstich.
Natürlich hat Svenja bei ihrer Oma immer und auch einfach so ein Stück Bienenstich bekommen. Ich komme mir ja fast kindisch vor bei sowas, aber Svenja ist eben so. Und eigentlich ist es ganz schön, hier zu liegen, die Umgebung genau zu beobachten und jede vorbeikommende Biene als kleinen Punkt zu verbuchen. Währenddessen reden wir mal wieder über Gott und die Welt, was es Neues aus der Schule gibt, wie Svenjas kleiner Bruder mit den Windpocken zurechtkommt und wie sie mit dem Training so vorankommt.

Ein bisschen macht mich das alles schon traurig, aber Svenja bemerkt das sofort und dann erzählt sie mir irgendwas Lustiges. So vergeht der Tag ganz schön schnell. Ich muss aufpassen, keinen Sonnenbrand zu bekommen, was so ganz ohne Haare ziemlich schwierig ist. Bevor Svenja mich zurückbringt, greift sie aber nochmal in den Rucksack, holt zwei Gabeln und einen abgedeckten Teller hervor und fragt mich, wie viele Bienen ich ich habe.
Siebenundzwanzig, sage ich, woraufhin sie mir lachend den Gewinn zusteht. Sie deckt den Teller auf und hervor kommen zwei Stücke Bienenstich mit liebem Gruß von ihrer Oma. Da muss ich auch plötzlich auflachen. Ich nehme eine Gabel und stopfe mir ein großes Stück Kuchen in den Mund und stelle fest, dass Svenjas Oma den besten Bienenstich der Welt macht. Dafür lasse ich allzu gerne das langweilige Abendessen im Krankenhaus sausen.

Nachdem wir aufgegessen haben, steht die Sonne schon ziemlich schräg am Himmel. Wir haben total die Zeit vergessen und ich muss schnellstens zurück. Am Eingang wartet schon Sr. Nikola auf mich und nimmt mich in Empfang. Svenja umarmt mich herzlich und verspricht, übermorgen wieder zu kommen, direkt nach dem Schulsport. Ich sage ihr, dass ich mich darauf schon freue.

Und eine Biene fliegt an uns vorbei.

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