Von Matrizen und sonstiger Algebra

Mathe. Mathe, du Teufel, losgelassen auf die Schüler dieser Welt von den ollen Griechen der Antike, zur perfekten Waffe des Unmutes geschmiedet von den ewigen Nerds dieser Welt.

Ich hasse Mathe, vor allem, wenn man mir damit Montagmorgen um Punkt acht Uhr kommt.

Herr Fleischer, unser Wirrkopf von Lehrer, der wieder einmal aussieht, als ob er in seinen Anziehsachen die Nacht durchgemacht hätte, steht vorne an der Tafel und rezitiert leere Sprechblasen, die nur so durch meine Ohren und unter meiner Schädeldecke hindurch fliegen, bis hinaus durchs Kippfenster. Mathe ist der Endgegner, nix Bushido.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, was Frau Fleischer, unsere Lehrerin für Deutsch und Sport, an einer 70er-Jahre-Schaufensterpuppe wie Herr Fleischer findet, aber irgendwas muss er anscheinend haben.

Zurück bei Matrizen oder wie das heißt, merke ich wieder diesen stechenden Kopfschmerz, ganz als ob mir jemand ein Messer in die Stirn treiben würde, direkt über dem rechten Auge. Mathe war schon in der Siebten übel, aber Kopfschmerzen bekomme ich erst seit neustem davon. Na, ja, vielleicht liegt das daran, dass es auf die Abi-Prüfungen zugeht und meine Leistung in diesem Fach bei konstant mangelhaft liegt.

Svenja sitzt neben mir, wie eigentlich in jedem Fach. Sie ist mathematisch genauso begabt wie ich, also nicht die intelligenteste Banknachbarlösung, wenn es um das Verständnis von Zahlen geht. Dafür eine umso bessere Gesellschaft, wenn es um Jungs, Parties, Mode und Sport geht. Wir teilen nämlich nicht nur den Tisch in der Schule, sondern auch Blut, Schweiß und Tränen beim Joggen oder Krafttraining. Oh ja, andere Mädels Saufen, Kiffen und Vögeln und wir schwitzen mit den Jungs im „Gym“, wie diese es immer so schön nennen.
Auch wenn wir nur zur Hälfte wegen der Anstrengung schwitzen.

Herr Fleischer schwitzt übrigens auch schon, scheint ganz, als würden sich der fehlende Schlaf, die fehlende Dusche und deren Kompensation in Form von Kaffee bemerkbar machen. Ziemlich eklig, wenn ein dreißig Jahre altes Jeans Hemd eine Ehe mit frischem Schweiß eingeht und beide zusammen eine Landkarte von Südrussland bilden. Jetzt schalte ich endgültig ab. Ein Blick aufs Handy verrät, dass die Stunde noch zweiundzwanzig Minuten geht. Bis dahin würde ich ja schlafen, aber mein Kopf entschließt sich gerade, Discofox mit sich selbst zu lernen. Ich stöhne auf, rolle mit den Augen und lege meinen Kopf in meine Hände. Svenja registriert es, obwohl sie bei Mathe schon viel früher abgeschaltet hat, als ich.

Ihr fragender Blick sucht meine Augen. Ich zeige mit dem Zeigefinger auf meine Schläfe, tippe dreimal dagegen. Svenja missversteht die Geste und denkt, ich meine Herr Fleischer, welcher inzwischen Thunfisch im eigenen Saft spielt und die Tafel mit Kreide vollschmiert. Meine vermeintliche Abwertung dieser Posse von Unterricht führt bei Svenja zu einem verhaltenen Lachen.

Aber nur, bis mein Schädel so wehtut, dass mir die Tränen in die Augen schießen und ich aufspringe, um Richtung Toilette zu sprinten, direkt vorbei am schwimmenden Fleischer. Angekommen zwischen fleckigen Fliesen und Filzstiftschmierereien, übergebe ich mich in die nächstbeste Toilette. Hallo, Erdnussbutter-Schokocreme-Sandwich. Hallo, Latte Macchiato. Als ich mich keuchend erhebe und zum Waschbecken schwanke, ist mein Frühstück auf dem zweiten Bildungsweg und mein Kopf leer. Weg sind sie, die verteufelten Kopfschmerzen. Verrückt, dieses Gefühl. Eben noch möchte man am liebsten sterbend im Bett liegen, im nächsten Moment ist alles wie weggeblasen.

Inzwischen hat auch Svenja heraus, wo ich stecke. Ich erzähle ihr, was los war, worauf hin sie den Freizeitdoktor rauslässt und von einer Nebenwirkung der Pille bis hin zu schlechtem Lachsfilet gestern Abend alles zur Ursache erklärt.

Ich lasse mir von ihr ein Kaugummi geben, dann entern wir wieder das sinkende Schiff der Mathematik, dessen schwitziger Kapitän fragend blickend, aber wortlos unsere Rückkehr quittiert, um sich wieder seinen kreidebleichen Matrosen zu widmen.

Gegen Ende der Stunde ist bereits alles vergessen, zumindest für Svenja. Mir lassen diese komischen Kopfschmerzen heute aber irgendwie keine Ruhe.

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