Im Bauch von Moby Dick

Es ist kühl hier. Ich musste meinen übergeworfenen Pulli zurücklassen, wegen der Metallnieten auf den Schultern, genauso wie meine Hausschuhe und meine Kette mit dem Schwalbenanhänger. Jetzt liege ich auf einer harten Liege inmitten dieser großen weißen Röhre, ganz als ob ich in den Bauch eines Wales reingeschoben werden würde. Moby Dick oder so. Aber eine kleine Version davon, die ein summendes Herz hat, das zwischendurch Pfeiftöne hergibt wie mein altes Nokia-Handy.

Es ist ein wenig beängstigend, auch wenn ich weiß, dass es nötig ist und dass im Raum nebenan, hinter der Glasscheibe, genug Leute sitzen, die mir helfen, wenn ich Panik bekomme. Aber dafür, dass ich nicht einmal in Personenaufzügen fahren kann, bin ich gerade erstaunlich ruhig. Es ist ja auch erst das vierzehnte Mal, dass mein Kopf in einem Plastikgestell fest liegt und ich mich eine Viertelstunde lang komplett ruhig verhalten muss.

Obwohl ich nach jeder dieser Torturen die Bilder sehen durfte und Dr. Lenßen jede noch so kleine Veränderung erklärt hat, bin ich eigentlich so schlau wie vorher. Ich kann nicht einmal erkennen, was mich da so krank und schwach macht, dass ich, wie heute, kaum aus dem Bett hochkomme. Dr. Lenßen kommt jeden Tag zu mir, um mit mir den weiteren Weg zu besprechen, doch meistens sehe ich ihn einfach nur verschwommen vor mir stehen, in seinem weißen Kittel und mit seiner Hornbrille. Oft verstehe ich nicht, was er sagt, einfach weil die Worte an meinen Ohren vorbeirauschen. Ist das so eine Art psychische Schutzfunktion? Blendet mein Körper schon die Wahrheit aus, damit es mir nicht noch schlechter geht? Ich weiß es nicht.

Die Schwestern hier sind ebenso für mich da, wie Dr. Lenßen. Aber wirklich gut verstehen tu ich mich nur mit Maik, dem Nachtpfleger. Der kommt  jede zweite Woche und macht dann fünf Nachtschichten hintereinander, oft ganz schön hart, wenn man morgens seine Augen betrachtet. Manchmal, wenn ich tagsüber schon soviel geschlafen habe, dass ich nachts wach bin, darf ich mich zu ihm an den Tisch setzen. Wenn er dann schon fertig ist mit seinen Durchgängen und dem Stellen der Medikamente, unterhalten wir uns über Gott und die Welt, schauen einen Film auf seinem Laptop oder spielen „Mensch ärger dich nicht“. Meist gewinne ich, ich habe da wohl irgendwie Glück.

Maik ist vierundzwanzig, also sieben Jahre älter als ich. Aber ich mag ihn sehr. Wenn ich Schmerzen habe und mein Kopf am liebsten zerspringen will, scheint er das schon zu erahnen. Oft kommt er dann auch an mein Bett, hängt mir ein Schmerzmittel an und bleibt, bis ich wieder eingeschlafen bin. Ich finde, das ist sehr lieb von ihm, immerhin hat er hier noch siebzehn andere Patienten zu versorgen. Ich glaube, er macht das, weil ich zu den jüngeren Patienten gehöre.

Die Prozedur ist zu Ende, für heute. Ich bin gespannt, was dabei rumkommt. Ob Dr. Lenßen die Behandlung wieder umstellen muss, wie gut ich die dann vertrage, oder eben nicht. Ob es Fortschritte gegeben hat. Ob ich bald gehen kann oder noch bleiben muss.

Und wann ich wieder in den Bauch von Moby Dick geschoben werde und den Kopf ruhig halten muss.

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