Gegenüber

Ich kann sie sehen. Da drüben, auf der anderen Seite der Straße. Immer dann, wenn ich gerade von meinem Buch hochblicke und aus dem Fenster schaue, an dem mein Bett steht. Menschen, die hektisch den Bürgersteig auf und ab laufen, Taxifahrer, die noch schnell eine Zigarette rauchen, nachdem sie Jemanden am Amtsgericht abgesetzt haben. Der Postbote auf seinem gelben Fahrrad, der heute offensichtlich sehr schlechte Laune hat, da es so viel regnet, dass seine Briefe durchnässt sind, bis er es zum Briefkasten des gelben Mehrfamilienhauses gegenüber geschafft hat. Eine Frau, die mit einer Politesse vom Ordnungsamt streitet, vermutlich, weil sie ihr Auto ja gerade erst abgestellt hatte und noch keine Zeit hatte, einen Parkschein zu ziehen. Ich dagegen weiß, dass ihr Auto schon seit anderthalb Stunden am Straßenrand steht.

Es ist ein wirklich grauer Tag heute. Wolken bedecken den Himmel vollständig, es will gar nicht richtig hell werden. Dafür sind die Schmerzen heute irgendwie erträglicher. Auch mein Buch erscheint heute nicht wirklich spannend, es ermüdet mich eher, zu lesen, als dass ich der Handlung wirklich folge. Also schaue ich lieber aus dem Fenster, aufstehen kann ich ja eh nicht. Ich bin zu schwach, seit Tagen schon. Und das Essen ist echt mies.

Ich hätte lieber einen dicken Burger von McDoof, statt tagein, tagaus pünktlichst kaltes, zerkochtes Gemüse runterwürgen zu müssen. Doch selbst davon wird mir schlecht, den Burger sollte ich dann vielleicht auch weglassen.

Ich muss still gähnen und reiße den Mund dazu weit auf. Ich bin so unendlich müde, obwohl ich die ganze Nacht geschlafen habe. Und den Großteil des Vormittages.

Ich fahre mir mit der vom Buchdeckel schwitzigen Hand über den Kopf, da lang, wo früher mal meine Haare gewesen sind.

Ob die Leute gegenüber auch Gemüse hassen? Ob sie ihre Frisuren mögen? Ob die Leute dort wohl gerne einfach nur den ganzen Tag im Bett liegen würden?

Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich mag es nicht.

Es ist so langweilig hier. Und so ermüdend. Jeden Tag ist es das Gleiche.

Nur gestern war etwas los, da haben sie Frau Bachmaier aus dem Zimmer gefahren. Meine Bettnachbarin, die auf ihre Art irgendwie schrecklich süß war und wirklich bekloppt für eine Dame von zweiundneunzig Jahren. Ohne sie ist es hier noch eintöniger.

Ich bekomme zwar viel Besuch, aber selbst das ist nicht sehr abwechslungsreich. Schulfreunde, die mir erzählen, was es Neues in der Stufe gibt, Oma Hilde mit ihrem Zitronenkuchen, den ich ja früher so geliebt habe. Und Mama und Papa.

Sie kommen jeden Tag. Papa schaut viel zum Fenster heraus oder läuft auf dem Flur herum, wo er gerne im Flüsterton mit den Ärzten streitet. Mama dagegen nimmt meine Hand und sagt nichts. Schaut mich einfach nur an, ohne zu blinzeln. Vielleicht versucht sie in ihrem Kopf einen mentalen Abdruck von mir zu erschaffen, vielleicht denkt sie an unbezahlte Rechnungen, ich weiß es nicht. Ich sehe nur, dass sie anscheinend so wenig schläft, wie ich zuviel schlafe.

Auf der anderen Straßenseite hat sich das Bild geändert. Ein Hund rennt einem alten Tennisball hinterher über den Gehweg, sein Besitzer hinterdrein. Eine Mutter schiebt zügig einen Kinderwagen vor sich her und versucht mit einer Hand, ihren Regenschirm fest zu umklammern. Ein paar Kinder, schwer beladen mit Schultornistern, die fast so groß sind, wie sie selbst, gehen lachend über den Rasen auf dem Grünstreifen, weil da so kleine Pfützen aufgeschwemmt sind.
Andere Leute erstürmen die Tür der Cafeteria beinahe im Laufschritt. Der Regen nimmt zu. Die Straße hoch kommt ein Krankenwagen angerast, mit grell leuchtendem Blaulicht.

Ich muss einen Moment die Augen schließen, weil ich unklugerweise genau in die Lampen geblickt habe.

Im nächsten Moment schon fällt mir das Buch aus der Hand auf die Decke und der Schlaf überfällt mich abermals, während ich schon in die Schatten sinke.

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