Hero of the Year

Oh man. Was für ein unglaublich kitschiger Film. Ich bin ein Mädchen, und sogar ich finde ihn kitschig. Jennifer Aniston gibt sich mal wieder größte Mühe, das dumme Blondchen zu geben, das am Ende des Filmes sowieso den Macho, in diesem Fall den Action-Crash-Test-Dummy-König der „300“ ,Gerard Butler, zum angetrauten „Hero of the Year“ nimmt.

Na ja, was soll man machen, im Kino gab es leider echt nicht die beste Auswahl an Filmen für ein Date. Und so begnügen wir uns mit einer Jahresration Popcorn, geschätzten drei Litern Cola (in meinem Fall „light“) pro Person und unserer Gesellschaft. Die stellt für mich dabei den interessantesten Teil des Abends dar. Lukas.

Lukas trainiert im gleichen Fitnessstudio wie ich, wenn auch mit anderen Zielen, will ich meinen. Trotzdem gehört er nicht zu den Hohlköpfen, die sich aufgepumpt vor den Spiegel stellen, um ihre Form für den anschließenden, abendlichen Disco-Besuch zu prüfen. Lukas ist eigentlich sehr nett, auch wenn ich das bloß aus den wenigen Gelegenheiten, die er verlegen und verschwitzt vor mir stand, um Small Talk zu halten, weiß.
Er ist so alt wie ich, war auf der Grundschule sogar in meiner Parallelklasse, meine ich, und ist mit seinem strohblonden Haar eigentlich nicht so mein Typ.

Aber als er mich gefragt hat, ob ich auch mal abseits vom Sport was mit ihm machen würde, konnte ich irgendwie nicht Nein sagen. Und da sitzen wir nun, gepresst in rot bezogene Kuschelsitze, mit Popcornkrümeln auf den Klamotten und lachen herzhaft über jede noch so dämliche Filmkonversation. Es hat eben auch Vorteile, wenn man zu zweit allein in einem Kinosaal sitzt. Achtung, romantische Szene, lang anhaltender Kuss, dramatische Musik.

Plötzlich ergreift Lukas vorsichtig meine Hand und legt sie in die seine. Ich erschrecke und will schon zurück zucken, doch dann fühlt es sich irgendwie doch ziemlich gut an und ich lasse sie wo sie ist.

Dafür konzentriere ich mich nur noch mehr auf das allgemeine Rumgeschlecke auf der Leinwand vor mir, bis das irgendwie unerträglich wird. Ich komm mir vor wie mit Dreizehn. Was muss Lukas von mir denken, wenn ich mich wie so ein Kind aufführe?

Bis auch das im nächsten Moment völlig uninteressant ist, weil die Kopfschmerzen wieder zuschlagen wie ein Vorschlaghammer. Urplötzlich, gewaltig und grausam. Ich reiße meine Hände nach oben an meine Stirn, mein Popcorn fliegt im hohen Bogen davon und verteilt sich auf die nächsten vier Sitzreihen, während ich schon vorne über kippe. Lukas ruft noch irgendwas, aber was genau, bekomme ich schon nicht mehr mit.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich irgendwo zwischen meinem Kinositz, der Reihe davor und meinem halb geleerten Popcorneimer. Ein Gesicht schiebt sich in mein Blickfeld. Es ist Lukas, der aussieht, als wäre ich so eben aus dem Jenseits erschienen, um ihm die Heilige Schrift zu erläutern, und zwar auf alt-ägyptisch.

Auf seine Nachfrage, was denn los und ob alles in Ordnung sei, antworte ich leicht benommen, dass es mir gut geht und dass ich aber lieber nach Hause gehen will. Wie ein galanter Ritter in Weiß hilft er mir auf die Beine, nicht ohne zu fragen, ob er mich nicht lieber in ein Krankenhaus bringen soll. Ich sage energisch Nein zu dieser Idee. Ich will einfach nur nach Hause, eine Packung Aspirin einschmeißen und dann ins Bett.

Irgendwie schaffe ich es gehend bis zu Lukas klapperigem Ford, wo er mich sanft auf den Beifahrersitz verfrachtet. Als wir bei mir zu Hause ankommen, hilft er mir außerdem noch aus dem Wagen und bringt mich bis zur Türe, wo wir unter dem Türlicht stehen bleiben. Lukas fragt noch einmal, ob wirklich alles in Ordnung ist und ich sage ihm, ich wäre einfach nur müde und dass ich nur ins Bett will. Er blickt sanft auf mich herab, sagt, dass es trotzdem ein sehr schöner und lustiger Abend war und dass er mich wiedersehen will.

Mein Herz macht dabei einen Hüpfer und überlagert kurzzeitig sogar das Chaos hinter meiner Stirn. Mit einem leichten Kratzen im Hals (wo kommt das jetzt bitte her?) wünsche ich Lukas noch eine Gute Nacht und stecke meinen Hausschlüssel ins Schloss.

Er geht zurück zu seinem Wagen, wartet aber tatsächlich noch, bis ich im Flur bin und die Tür geschlossen habe. Was für ein Kavalier, denke ich noch, da macht sich der Kopf schon wieder bemerkbar.

Irgendwie schaffe ich es aber noch, eine Tablette zu nehmen, zumindest die Hälfte meiner Klamotten auf meinem Zimmerfußboden zu verteilen und unter die Decke zu schlüpfen.

Beim Einschlafen denke ich noch daran, dass der Abend trotz allem gar nicht so übel war. Und dass Lukas gar nicht so übel ist. Wer weiß, mein „Hero of the Year“?

Bienen zählen

Ein Drache. Ein Boot. Eine Hand. Eine Riesenwelle.

Svenja und ich liegen auf einer kleinen Decke im klinikeigenen Park und suchen Wolkenbilder. Heute ist wirklich sehr schönes Wetter, der Frühling kommt so richtig raus. Svenja wollte keine Widerworte hören, meine Müdigkeit zählt heute nicht, sagt sie. Ohne meine Erwiderung zu hören, war sie auf den Flur gehuscht und hatte einen Rollstuhl entwendet. Mit dem hatte sie mich dann bis in diese hinterste Ecke des Krankenhausgeländes geschoben und kurzerhand die Decke und etwas zu trinken aus ihrem Rucksack geholt. So liegen wir nun hier und verbringen die Zeit mit nichts tun.

Und ich kann endlich mal wieder abschalten. Vom Geruch des Desinfektionsmittels, vom allzu frühen Geweckt-Werden und von den nächtlichen Geräuschen meiner Mitpatienten. Gestern hat einer von ihnen so laut gestöhnt und um Hilfe gerufen, dass ich nicht mehr einschlafen konnte und sinnlos in meinem Buch herumgeblättert habe. Darum bin ich jetzt auch so müde. Ich hätte diesen tollen Tag wahrscheinlich einfach verschlafen, wenn Svenja nicht nach der Schule hergekommen wäre.

Heute zählen wir nämlich Bienen. Nachdem ich sie dafür erst einmal für verrückt erklärt habe und ihr genauestens erklärt habe, wo sie sich für die Station für Psychisch Kranke melden muss, erklärt sie mir jetzt, Bienen Zählen sei ein Spiel, das sie von ihrer Oma gelernt habe.

Die hatte einen großen Garten, mit Apfelbäumen und einem Kräuterbeet, ein paar alten Tannen und einem Gartenhäuschen. Dort hat sie Svenja dieses Spiel beigebracht. Man muss gut aufpassen und jede Biene zählen, die vorbeifliegt. Lässt sie sich auf einer Blume nieder, zählt sie doppelt. Wer am Ende mehr gezählt hat, gewinnt ein Stück Bienenstich.
Natürlich hat Svenja bei ihrer Oma immer und auch einfach so ein Stück Bienenstich bekommen. Ich komme mir ja fast kindisch vor bei sowas, aber Svenja ist eben so. Und eigentlich ist es ganz schön, hier zu liegen, die Umgebung genau zu beobachten und jede vorbeikommende Biene als kleinen Punkt zu verbuchen. Währenddessen reden wir mal wieder über Gott und die Welt, was es Neues aus der Schule gibt, wie Svenjas kleiner Bruder mit den Windpocken zurechtkommt und wie sie mit dem Training so vorankommt.

Ein bisschen macht mich das alles schon traurig, aber Svenja bemerkt das sofort und dann erzählt sie mir irgendwas Lustiges. So vergeht der Tag ganz schön schnell. Ich muss aufpassen, keinen Sonnenbrand zu bekommen, was so ganz ohne Haare ziemlich schwierig ist. Bevor Svenja mich zurückbringt, greift sie aber nochmal in den Rucksack, holt zwei Gabeln und einen abgedeckten Teller hervor und fragt mich, wie viele Bienen ich ich habe.
Siebenundzwanzig, sage ich, woraufhin sie mir lachend den Gewinn zusteht. Sie deckt den Teller auf und hervor kommen zwei Stücke Bienenstich mit liebem Gruß von ihrer Oma. Da muss ich auch plötzlich auflachen. Ich nehme eine Gabel und stopfe mir ein großes Stück Kuchen in den Mund und stelle fest, dass Svenjas Oma den besten Bienenstich der Welt macht. Dafür lasse ich allzu gerne das langweilige Abendessen im Krankenhaus sausen.

Nachdem wir aufgegessen haben, steht die Sonne schon ziemlich schräg am Himmel. Wir haben total die Zeit vergessen und ich muss schnellstens zurück. Am Eingang wartet schon Sr. Nikola auf mich und nimmt mich in Empfang. Svenja umarmt mich herzlich und verspricht, übermorgen wieder zu kommen, direkt nach dem Schulsport. Ich sage ihr, dass ich mich darauf schon freue.

Und eine Biene fliegt an uns vorbei.

Von Matrizen und sonstiger Algebra

Mathe. Mathe, du Teufel, losgelassen auf die Schüler dieser Welt von den ollen Griechen der Antike, zur perfekten Waffe des Unmutes geschmiedet von den ewigen Nerds dieser Welt.

Ich hasse Mathe, vor allem, wenn man mir damit Montagmorgen um Punkt acht Uhr kommt.

Herr Fleischer, unser Wirrkopf von Lehrer, der wieder einmal aussieht, als ob er in seinen Anziehsachen die Nacht durchgemacht hätte, steht vorne an der Tafel und rezitiert leere Sprechblasen, die nur so durch meine Ohren und unter meiner Schädeldecke hindurch fliegen, bis hinaus durchs Kippfenster. Mathe ist der Endgegner, nix Bushido.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, was Frau Fleischer, unsere Lehrerin für Deutsch und Sport, an einer 70er-Jahre-Schaufensterpuppe wie Herr Fleischer findet, aber irgendwas muss er anscheinend haben.

Zurück bei Matrizen oder wie das heißt, merke ich wieder diesen stechenden Kopfschmerz, ganz als ob mir jemand ein Messer in die Stirn treiben würde, direkt über dem rechten Auge. Mathe war schon in der Siebten übel, aber Kopfschmerzen bekomme ich erst seit neustem davon. Na, ja, vielleicht liegt das daran, dass es auf die Abi-Prüfungen zugeht und meine Leistung in diesem Fach bei konstant mangelhaft liegt.

Svenja sitzt neben mir, wie eigentlich in jedem Fach. Sie ist mathematisch genauso begabt wie ich, also nicht die intelligenteste Banknachbarlösung, wenn es um das Verständnis von Zahlen geht. Dafür eine umso bessere Gesellschaft, wenn es um Jungs, Parties, Mode und Sport geht. Wir teilen nämlich nicht nur den Tisch in der Schule, sondern auch Blut, Schweiß und Tränen beim Joggen oder Krafttraining. Oh ja, andere Mädels Saufen, Kiffen und Vögeln und wir schwitzen mit den Jungs im „Gym“, wie diese es immer so schön nennen.
Auch wenn wir nur zur Hälfte wegen der Anstrengung schwitzen.

Herr Fleischer schwitzt übrigens auch schon, scheint ganz, als würden sich der fehlende Schlaf, die fehlende Dusche und deren Kompensation in Form von Kaffee bemerkbar machen. Ziemlich eklig, wenn ein dreißig Jahre altes Jeans Hemd eine Ehe mit frischem Schweiß eingeht und beide zusammen eine Landkarte von Südrussland bilden. Jetzt schalte ich endgültig ab. Ein Blick aufs Handy verrät, dass die Stunde noch zweiundzwanzig Minuten geht. Bis dahin würde ich ja schlafen, aber mein Kopf entschließt sich gerade, Discofox mit sich selbst zu lernen. Ich stöhne auf, rolle mit den Augen und lege meinen Kopf in meine Hände. Svenja registriert es, obwohl sie bei Mathe schon viel früher abgeschaltet hat, als ich.

Ihr fragender Blick sucht meine Augen. Ich zeige mit dem Zeigefinger auf meine Schläfe, tippe dreimal dagegen. Svenja missversteht die Geste und denkt, ich meine Herr Fleischer, welcher inzwischen Thunfisch im eigenen Saft spielt und die Tafel mit Kreide vollschmiert. Meine vermeintliche Abwertung dieser Posse von Unterricht führt bei Svenja zu einem verhaltenen Lachen.

Aber nur, bis mein Schädel so wehtut, dass mir die Tränen in die Augen schießen und ich aufspringe, um Richtung Toilette zu sprinten, direkt vorbei am schwimmenden Fleischer. Angekommen zwischen fleckigen Fliesen und Filzstiftschmierereien, übergebe ich mich in die nächstbeste Toilette. Hallo, Erdnussbutter-Schokocreme-Sandwich. Hallo, Latte Macchiato. Als ich mich keuchend erhebe und zum Waschbecken schwanke, ist mein Frühstück auf dem zweiten Bildungsweg und mein Kopf leer. Weg sind sie, die verteufelten Kopfschmerzen. Verrückt, dieses Gefühl. Eben noch möchte man am liebsten sterbend im Bett liegen, im nächsten Moment ist alles wie weggeblasen.

Inzwischen hat auch Svenja heraus, wo ich stecke. Ich erzähle ihr, was los war, worauf hin sie den Freizeitdoktor rauslässt und von einer Nebenwirkung der Pille bis hin zu schlechtem Lachsfilet gestern Abend alles zur Ursache erklärt.

Ich lasse mir von ihr ein Kaugummi geben, dann entern wir wieder das sinkende Schiff der Mathematik, dessen schwitziger Kapitän fragend blickend, aber wortlos unsere Rückkehr quittiert, um sich wieder seinen kreidebleichen Matrosen zu widmen.

Gegen Ende der Stunde ist bereits alles vergessen, zumindest für Svenja. Mir lassen diese komischen Kopfschmerzen heute aber irgendwie keine Ruhe.

Im Bauch von Moby Dick

Es ist kühl hier. Ich musste meinen übergeworfenen Pulli zurücklassen, wegen der Metallnieten auf den Schultern, genauso wie meine Hausschuhe und meine Kette mit dem Schwalbenanhänger. Jetzt liege ich auf einer harten Liege inmitten dieser großen weißen Röhre, ganz als ob ich in den Bauch eines Wales reingeschoben werden würde. Moby Dick oder so. Aber eine kleine Version davon, die ein summendes Herz hat, das zwischendurch Pfeiftöne hergibt wie mein altes Nokia-Handy.

Es ist ein wenig beängstigend, auch wenn ich weiß, dass es nötig ist und dass im Raum nebenan, hinter der Glasscheibe, genug Leute sitzen, die mir helfen, wenn ich Panik bekomme. Aber dafür, dass ich nicht einmal in Personenaufzügen fahren kann, bin ich gerade erstaunlich ruhig. Es ist ja auch erst das vierzehnte Mal, dass mein Kopf in einem Plastikgestell fest liegt und ich mich eine Viertelstunde lang komplett ruhig verhalten muss.

Obwohl ich nach jeder dieser Torturen die Bilder sehen durfte und Dr. Lenßen jede noch so kleine Veränderung erklärt hat, bin ich eigentlich so schlau wie vorher. Ich kann nicht einmal erkennen, was mich da so krank und schwach macht, dass ich, wie heute, kaum aus dem Bett hochkomme. Dr. Lenßen kommt jeden Tag zu mir, um mit mir den weiteren Weg zu besprechen, doch meistens sehe ich ihn einfach nur verschwommen vor mir stehen, in seinem weißen Kittel und mit seiner Hornbrille. Oft verstehe ich nicht, was er sagt, einfach weil die Worte an meinen Ohren vorbeirauschen. Ist das so eine Art psychische Schutzfunktion? Blendet mein Körper schon die Wahrheit aus, damit es mir nicht noch schlechter geht? Ich weiß es nicht.

Die Schwestern hier sind ebenso für mich da, wie Dr. Lenßen. Aber wirklich gut verstehen tu ich mich nur mit Maik, dem Nachtpfleger. Der kommt  jede zweite Woche und macht dann fünf Nachtschichten hintereinander, oft ganz schön hart, wenn man morgens seine Augen betrachtet. Manchmal, wenn ich tagsüber schon soviel geschlafen habe, dass ich nachts wach bin, darf ich mich zu ihm an den Tisch setzen. Wenn er dann schon fertig ist mit seinen Durchgängen und dem Stellen der Medikamente, unterhalten wir uns über Gott und die Welt, schauen einen Film auf seinem Laptop oder spielen „Mensch ärger dich nicht“. Meist gewinne ich, ich habe da wohl irgendwie Glück.

Maik ist vierundzwanzig, also sieben Jahre älter als ich. Aber ich mag ihn sehr. Wenn ich Schmerzen habe und mein Kopf am liebsten zerspringen will, scheint er das schon zu erahnen. Oft kommt er dann auch an mein Bett, hängt mir ein Schmerzmittel an und bleibt, bis ich wieder eingeschlafen bin. Ich finde, das ist sehr lieb von ihm, immerhin hat er hier noch siebzehn andere Patienten zu versorgen. Ich glaube, er macht das, weil ich zu den jüngeren Patienten gehöre.

Die Prozedur ist zu Ende, für heute. Ich bin gespannt, was dabei rumkommt. Ob Dr. Lenßen die Behandlung wieder umstellen muss, wie gut ich die dann vertrage, oder eben nicht. Ob es Fortschritte gegeben hat. Ob ich bald gehen kann oder noch bleiben muss.

Und wann ich wieder in den Bauch von Moby Dick geschoben werde und den Kopf ruhig halten muss.

Gegenüber

Ich kann sie sehen. Da drüben, auf der anderen Seite der Straße. Immer dann, wenn ich gerade von meinem Buch hochblicke und aus dem Fenster schaue, an dem mein Bett steht. Menschen, die hektisch den Bürgersteig auf und ab laufen, Taxifahrer, die noch schnell eine Zigarette rauchen, nachdem sie Jemanden am Amtsgericht abgesetzt haben. Der Postbote auf seinem gelben Fahrrad, der heute offensichtlich sehr schlechte Laune hat, da es so viel regnet, dass seine Briefe durchnässt sind, bis er es zum Briefkasten des gelben Mehrfamilienhauses gegenüber geschafft hat. Eine Frau, die mit einer Politesse vom Ordnungsamt streitet, vermutlich, weil sie ihr Auto ja gerade erst abgestellt hatte und noch keine Zeit hatte, einen Parkschein zu ziehen. Ich dagegen weiß, dass ihr Auto schon seit anderthalb Stunden am Straßenrand steht.

Es ist ein wirklich grauer Tag heute. Wolken bedecken den Himmel vollständig, es will gar nicht richtig hell werden. Dafür sind die Schmerzen heute irgendwie erträglicher. Auch mein Buch erscheint heute nicht wirklich spannend, es ermüdet mich eher, zu lesen, als dass ich der Handlung wirklich folge. Also schaue ich lieber aus dem Fenster, aufstehen kann ich ja eh nicht. Ich bin zu schwach, seit Tagen schon. Und das Essen ist echt mies.

Ich hätte lieber einen dicken Burger von McDoof, statt tagein, tagaus pünktlichst kaltes, zerkochtes Gemüse runterwürgen zu müssen. Doch selbst davon wird mir schlecht, den Burger sollte ich dann vielleicht auch weglassen.

Ich muss still gähnen und reiße den Mund dazu weit auf. Ich bin so unendlich müde, obwohl ich die ganze Nacht geschlafen habe. Und den Großteil des Vormittages.

Ich fahre mir mit der vom Buchdeckel schwitzigen Hand über den Kopf, da lang, wo früher mal meine Haare gewesen sind.

Ob die Leute gegenüber auch Gemüse hassen? Ob sie ihre Frisuren mögen? Ob die Leute dort wohl gerne einfach nur den ganzen Tag im Bett liegen würden?

Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich mag es nicht.

Es ist so langweilig hier. Und so ermüdend. Jeden Tag ist es das Gleiche.

Nur gestern war etwas los, da haben sie Frau Bachmaier aus dem Zimmer gefahren. Meine Bettnachbarin, die auf ihre Art irgendwie schrecklich süß war und wirklich bekloppt für eine Dame von zweiundneunzig Jahren. Ohne sie ist es hier noch eintöniger.

Ich bekomme zwar viel Besuch, aber selbst das ist nicht sehr abwechslungsreich. Schulfreunde, die mir erzählen, was es Neues in der Stufe gibt, Oma Hilde mit ihrem Zitronenkuchen, den ich ja früher so geliebt habe. Und Mama und Papa.

Sie kommen jeden Tag. Papa schaut viel zum Fenster heraus oder läuft auf dem Flur herum, wo er gerne im Flüsterton mit den Ärzten streitet. Mama dagegen nimmt meine Hand und sagt nichts. Schaut mich einfach nur an, ohne zu blinzeln. Vielleicht versucht sie in ihrem Kopf einen mentalen Abdruck von mir zu erschaffen, vielleicht denkt sie an unbezahlte Rechnungen, ich weiß es nicht. Ich sehe nur, dass sie anscheinend so wenig schläft, wie ich zuviel schlafe.

Auf der anderen Straßenseite hat sich das Bild geändert. Ein Hund rennt einem alten Tennisball hinterher über den Gehweg, sein Besitzer hinterdrein. Eine Mutter schiebt zügig einen Kinderwagen vor sich her und versucht mit einer Hand, ihren Regenschirm fest zu umklammern. Ein paar Kinder, schwer beladen mit Schultornistern, die fast so groß sind, wie sie selbst, gehen lachend über den Rasen auf dem Grünstreifen, weil da so kleine Pfützen aufgeschwemmt sind.
Andere Leute erstürmen die Tür der Cafeteria beinahe im Laufschritt. Der Regen nimmt zu. Die Straße hoch kommt ein Krankenwagen angerast, mit grell leuchtendem Blaulicht.

Ich muss einen Moment die Augen schließen, weil ich unklugerweise genau in die Lampen geblickt habe.

Im nächsten Moment schon fällt mir das Buch aus der Hand auf die Decke und der Schlaf überfällt mich abermals, während ich schon in die Schatten sinke.

(Un)fair?

Heut muss ich mich mal auskotzen. Ich sitze auf dem Sofa, zappe im TV rum und zwischendurch lande auch ich leider immer mal bei RTL, was sonst nicht so meinem Geschmack entspricht.

Bei RTL jedenfalls läuft ein Beitrag über Neureiche in Kitzbühel, die anscheinend nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.

Solche Beiträge machen mich wütend und oft auch einfach nur fassungslos. Ich habe nichts gegen reiche Leute, sofern sie für das Geld, das sie ausgeben, gearbeitet oder gelitten haben. Aber auch das stehe ich den meisten nur zu, wenn diese es schaffen, fernab von ihrem Tellerrand auch anderen Menschen und Leben ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

Ein bloßes „Ich, ich, ich“ wie es mittlerweile in unserer egoistischen, kapitalbasierten und wertelosen Gesellschaft angekommen ist, widert mich an.

Dumme, selbstsüchtige Menschen regieren die Welt und geben Unsummen an Geld für Diamanten, Autos und Champagner aus, während in anderen Ländern Kriege um das eigene Überleben geführt werden müssen. Es stehen sich also ein Egoismus im Zeichen des Kommerzes und ein Egoismus im Sinne des urmenschlichsten Instinktes gegenüber. Wir haben uns nicht geändert, obwohl der moderne Mensch fast 40.000 Jahre Zeit zur Entwicklung hatte.

Damit wir, die wir die Privilegien der sogenannten westlichen Welt erfahren dürfen, nicht aufmerken bei all der Ungerechtigkeit in der Welt, führen uns Politik, Wirtschaft und Medien nur zu gerne vor Augen, wie es sich im Luxus schwelgen lässt, während sie doch gleichzeitig die Hauptverantwortlichen für die Misere sind.

Es zählt nur „Mein“ und „Unser“, das Hier und Jetzt. Was morgen mit den Anderen geschieht, ist nicht von Belang, wenn es mir doch heute schon gut gehen kann.

Und am besten geht es dem Menschen bekanntlich, wenn er anderen vorführen kann, wie gut es ihm wirklich geht.

Viele Einzelne erheben Tag für Tag die Stimme gegen die Ungerechtigkeit und noch viele mehr müssen ihre Leben dafür lassen.

Doch für ein Umdenken ist mehr nötig. Wir müssen die Fesseln der instrumentalisierten Verdummung abwerfen, mehr umeinander kümmern und die begrenzten Ressourcen an Material und Geist voll ausschöpfen. Wir müssen miteinander kämpfen, statt gegeneinander.

Was dem Einen Freud, muss des Andern Leid sein? Nein, danke.

Ich muss nicht täglich Luxus und Reichtum vorgeführt bekommen, D-Promis die sich im australischen Dschungel in ihre Primaten-Urform zurückentwickeln, junge Mädchen, die abgemagert völlig surrealistische Kleidungsfetzen zur Schau tragen und totale Untalente, die einem gewissen Pop-Titanen auf nervtötende Art und Weise verstümmelte Liedfragmente vorkreischen.

Ich muss täglich sehen, was in der Welt falsch läuft. Ich muss sehen, dass die Menschen, die ich in meinem Namen mit einem politischen Auftrag versehe, nicht nur mein Leben verbessern, sondern das aller Menschen rundum. Ich muss sehen, dass die Menschheit zu mehr fähig ist, als selbstsüchtiger Kollektivverblödung und stattdessen endlich über ihren Schatten springt. Um endlich dem gerecht zu werden, was die Evolution uns als herrschende Rasse doch in die Wiege gelegt hat.

Post-Demokratie. Post-Kapitalismus. Wir müssen es wagen.

Ich für meinen Teil gönne mir jetzt ein wenig „Das Leben des Brian“. Läuft zwar auch auf RTL II, zweifelt aber auf seine Weise andere „Wahrheiten“ an.

Einen schönen Abend,

M

PS: Wer jetzt denkt, ich nähme mich bei all der Kritik aus, der irrt. Mit Sicherheit könnte auch ich mehr tun, um Unrecht zu bekämpfen.

Super 8 (2011)

Hallo miteinander!

Auch heute wieder eine Filmrezension von mir. Diesmal spannende Science-Fiction gepaart mit „Die fünf Freunde“ in Form von „Super 8“, einem Film von J.J. Abram.

Grob geht es um eine Gruppe Teenies im Kleinstadt-Ohio des Jahres 1979, die das Filmemachen als Hobby teilen. Für ihren Zombiefilm nehmen sie allerhand auf sich, so auch eine Szene an einem nächtlichen, abseits gelegenen Bahnhof, die sich zum echten Drama entwickelt, als ein durchfahrender Güterzug entgleist und in einem Inferno aufgeht.
Aufgenommen wird die Katastrophe nur von der Super-8-Kamera der Gruppe.

Nachfolgend kommt so manch merkwürdiges Ereignis ins Rollen, von der Einmischung der U.S. Air Force über verschwindende Geräte und Gegenstände bis hin zu vermissten Einzelpersonen…
Nur Joe Lamb, die Hauptperson des Films und Sohn des ortseigenen Deputy-Sheriffs, behält in der Situation anscheinend als einziger einen kühlen Kopf…

Diesmal muss ich gestehen, ich hatte nicht viel mehr erwartet, als eine Neuauflage der „Goonies“ mit ein paar Science-Fiction-Elementen und eventuell mehr Action.

Dass der Film dann so überzeugt hat, konnte ich vorher gar nicht einschätzen, zumal ich beim entgleisten Zug noch dachte, die Macher von „Transformers“ hätten zwischendurch einfach Langeweile gehabt und noch einen Film produziert.

Doch vor allem die jungen Darsteller wissen zu überzeugen, allen voran Joel Courtney und Elle Fanning, die sogar noch einen Schuss erste Liebe mit einbringen.
Eingebettet in das Kleinstadt-Amerika der späten 70er Jahre (Star Wars Poster und Figuren inklusive, danke George Lucas!), findet die Story sogleich einen tollen Einstieg, dessen Spannung sich bis zuletzt halten kann.

Garniert wird das ganze mit viel technischem Trara, aber das muss man an Science-Fiction einfach lieben, finde ich.

Ich kann euch also auch diesen Film durchaus empfehlen, er ist was für Pärchen mit Langeweile, Sci-Fi-Fans, aber auch Liebhabern von Detektivgeschichten.

Ich gebe hier eine 7,5 von 10, imdb liegt bei 7,1.

Allen ein schönes Wochenende,

Euer M

Escape Plan (2013)

Guten Abend!

Heute die direkt After-View Rezension zum Actionfilm „Escape Plan“ aus 2013 mit den Helden der Kindheit eines jeden Jungen: Arnie und Sly.

Im groben dreht sich der Film um Stallone, welcher als Ray Brenslin, einem Sicherheitsexperten für Gefängnistechnik. Dieser verdient sein Geld, indem er im Auftrag der amerikanischen Regierung aus Gefängnissen ausbricht, um so deren Sicherheitslücken aufzudecken.
Im Zuge dessen bekommt er einen Spezialauftrag: Für die CIA soll er aus einem inoffiziellen, von Privatinvestoren betriebenen Gefängnis, an einem unbekannten Ort ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt ausbrechen.
Schon der Weg dorthin zeigt sich reichlich merkwürdig, im Knast selbst merkt Ray schnell, dass die Dinge so gar nicht wie üblich laufen. Der Gefängnisdirektor (Jim Caviezel) ist nicht nur ein anderer als gedacht, sondern auch extrem skrupellos. Und dann ist da noch ein Mann mit dem komischen Namen Emil Rottmeyer, der sonderbar viel Interesse an Ray zeigt…

Zunächst: YEAH! Action pur! Endlich wieder ein Actionthriller im Stile der 80er Jahre. Und dann auch noch mit den beiden besten Helden der Filmgeschichte.
Das ,vereint mit echt tollen Gags, zahlreichen Effekten und gut abgestimmter Brutalität, macht „Escape Plan“ zu einem sehr genialen Film.

Aber: Leute, lasst die Logik zuhause, wenn ihr Filme mit Sly und Arnie guckt. Dieser hier kann gut als die Vorgeschichte zu „The Expendables“ durchgehen, auch wenn die Herren Hauptdarsteller sich nicht ganz so sehr auf die Schippe nehmen, wie sonst.
Beide glänzen wie eh und je in ihrer schlichten Darstellung von Brutalität, vereinen das aber gekonnt mit dem Charme ihres Alters. Schauspielerisch kein großer Anspruch, anders will man es aber auch nicht haben.
Die Nebenrollen, besetzt mit Jim Caviezel, Sam Neill, 50 Cent und Farad Tahir oder Vinnie Jones (dem ewigen Bösewicht), erscheinen da eher gering, sind aber durchaus passend besetzt.

Fazit: Wer gute, alte Action mag und nicht zu sehr aus Logik oder eine dynamische Story achtet, kann hier bedenkenlos reinschauen. Ich habe viel gelacht und viel bewundert. Und freue mich einfach über jeden Film, den Sly und Arnie noch abliefern.
Von mir hier eine 7 von 10, imdb liegt ebenfalls genau bei 7,0.

M

Gran Torino (2008)

Hallo!

Heute soll es mal wieder um einen Film gehen: „Gran Torino“, ein Film von und mit Clint Eastwood aus dem Jahre 2008.

Eastwood spielt den alten Griesgram Walt Kowalski, ein polnischstämmiger Veteran des Koreakrieges, welcher in einem Vorort von Detroit wohnt. Die Handlung setzt mit der Beerdigung seiner Frau ein. Während des Leichenschmauses in seinem Haus beobachtet Walt dabei, wie neue Nachbarn nebenan einziehen, was ihm sichtlich nicht gefällt.

Walt ist nämlich für seine eigene polnische Abstammung ganz schön rassistisch und sieht sich nun mit einer zunehmenden Zuwanderung vor allem asiatischstämmiger Menschen in seiner Nachbarschaft konfrontiert.

In besagtem Nachbarhaus zieht nun Thau mit Mutter, Schwester und Oma ein. Thau und seine Familie sind Hmong, ein asiatischer Volksstamm aus einer chinesischen Grenzregion.
Thau´s Cousin wohnt ebenfalls in Detroit und versucht beständig, ihn in seine Gang-Machenschaften reinzuziehen.
Dazu gehört auch die Aufgabe, Walt`s 1972er Ford Gran Torino aus dessen Garage zu stehlen, wobei Thau aber erwischt wird.

Als Wiedergutmachung leistet Thau schließlich gemeinnützige Arbeit in der Nachbarschaft. Hierbei lernen sich der griesgrämige Walt und der schüchterne Thau besser kennen und werden schließlich Freunde…

Ich finde den Film gut. Ich habe ihn nun schon zwei Mal gesehen und bin immer noch der Meinung, dass Clint Eastwood hier ein tolles Stück Regiearbeit abgeliefert hat. Die Geschichte erzählt eindrucksvoll, wie wichtig es auch spät im Leben noch sein kann, eigene Einstellungen zu überdenken und sich über alte Grenzen hinweg neuen Dingen zu öffnen.

Gekonnt nutzt Eastwood hierbei den in Amerika durchaus immer noch grassierenden Vorstadt-Rassismus zur Polarisierung, ohne jedoch auf die abgedroschene Schwarz-Weiß-Schiene zu gelangen.
Schauspielerisch hingegen schafft es der Herr Regisseur mit durchweg einer Miene durch den Film und kann sich in der Rolle des alten Miesepeters wohl auch ein Stück weit selbst spielen. Sicher ist auch das nur ein Stilmittel, sonderlich wandelbar ist Clint Eastwood eh nie gewesen.

Mein Fazit: Wer Gesellschaftsdramen mag, Clint-Eastwood-Fan ist oder derbe Dialoge toll findet, kann hier gerne reinschauen. Aber auch sonst ist der Streifen wirklich zu empfehlen.
Ich gebe hier eine 8 von 10, bei IMDB liegt der Film ebenfalls bei 8,2.

Beste Grüße,

M

2014- So langsam jedenfalls.

Hallo miteinander!

2014 ist mittlerweile schon fast zwei Wochen alt, ich habe noch Urlaub und verbringe die meiste Zeit damit, den Schlaf nachzuholen, den ich letztes Jahr anscheinend nicht bekommen habe. Gestern allerdings war ich zunächst mit Sport beschäftigt (nein, ich war tatsächlich nicht das erste Mal dieses Jahr im Fitnessstudio 😉 ), am Abend hieß es dann aber, typisch für meine Clique, angrillen.

Wir haben das Jahr mit Feuer und Fleisch und natürlich auch etwas leckerem zu trinken begrüßt. Im Endeffekt haben wir bis Zwei Uhr morgens am Feuer gesessen, uns mit den Musikwünschen abgewechselt und gelacht und gebibbert.

Zu dem Feeling von gestern abschließend noch ein paar Zeilen von mir. Ich wünsche Euch einen ähnlich tollen Start ins Jahr und dass Ihr nicht so lange braucht, um aus dem Trott zu kommen, wie ich anscheinend brauche.

Euer

M

PS:

Noch ein Jahr, noch ein Bier,

und wieder sitzen wir hier.

Sind ganz die Alten und doch neu,

und immer bleiben wir uns treu.

PPS:

Was treibt ihr so?